WO ES GRÜNER ist

Ist das Gras auf der anderen Seite wirklich grüner? Oder andersrum: Ist bei uns alles besser?

In Zeiten von Corona lernen wir die Schweiz von neuer Seite kennen. Reisend, aber auch lesend. Dabei lernen wir: Selbstkritik ist und bleibt wichtig. Auf persönlicher, wie auf gesellschaftlicher Ebene. 

 

Gerne wären wir diesen Frühling in Richtung Marokko gefahren oder in den südlichen Balkan. Hätten fremde Landschaften entdecken und Geschichten von Menschen angehört, die wir nie zuvor getroffen haben. Stattdessen sitzen wir am Lac des Toules, dem Stausee 12 Kilometer unterhalb des Grossen Sankt Bernhards. Das Wasser rauscht aus dem Bergbach, Vögel rufen und die fetten Murmeltiere, die wir gestern Abend beobachteten, verstecken sich heute vor uns. Dafür grast über uns weit entfernt eine Steingeiss oder eine Gämse. Lasse ich meinen Blick schweifen, dann sehe ich Bergspitzen überzogen mit Schneeresten. Weiter oben weisse Schleierwolken im tiefblauen Himmel Weiter unten Tannenwälder und eine saftige Hochalpenlandschaft. Auf der gegenüberliegenden Talseite brummen hie und da Lastwagen durch die Lawinenschutz-Galerie den Berg in Richtung Pass und italienische Grenze hoch. Sie sind ungefähr gleich laut wie die Fliegen, die um unsere Frühstücksteller schwirren. 

Das Klischeebild der Schweiz

Noch ruhiger war es die letzten zwei Tage ein Tal weiter drüben. Das Val de Ferret entdeckten wir per Zufall. Und kamen, umso weiter wir in das Tal hineinfuhren umso mehr ins Staunen. Gelb, weiss, violett, blau, rosa leuchtete fast das gesamte Tal voller Blumen. Dahinter die Bergkulisse mit zwei Gletschern. Wow! Wir dachten bis anhin immer die kitschigen Schweiz-Bilder, die man uns in Asien von unserem Land zeigte, seien zu fest bearbeitete Versionen eines Traum-Heidi-Landes, welches so nicht existiert. Nun fühlten wir uns selbst wie mitten in einem solchen Bild. Die farbigen Blumenköpfe tanzten im Wind und als ich sagte: „Ungefähr so stelle ich mir nach deinen Schwärmereien Alaska im Sommer vor,“ antwortete Dylan: „Alaska ist nichts dagegen. Ich finde Alaska ja immer noch einer der schönsten Orte, die ich je sah. Aber … das hier! Das ist unbeschreiblich!“ 

The grass is always greener on the other side

Corona bringt uns also dazu unsere Heimat mit neuen Augen zu entdecken und Orte zu bereisen, die wir bis anhin übersehen haben. Wir starteten in Jaun und liessen und von dort via dem Berner Oberland ins Wallis treiben. Auf Nebenstrassen durch enge Täler deren Namen wir zuvor nicht kannten. Der Nase nach dorthin, wo wir am wenigsten Tourismus erwarteten. Die Schweiz erhält diese Jahr auch bei uns einen grösseren Stellenwert. Und das ist gut so. 

The Gras ist always greener on the other side - das was nicht vor der Haustüre ist, scheint sonst meist verlockender, spannender, entdeckenswerter, als die eigene Heimat. Aber meist auch nur, solange es um Landschaften und Abenteuer geht. Lernen wir von Menschen in der Fremde über die Politik in ihrem Land, dann sind wir oft froh Schweizer zu sein. Wir leben schliesslich in einer Vorzeige-Demokratie. Oder? Ja, wir geben es zu, wir haben unterwegs irgendwo in der Welt schon öfters zu uns gesagt: Was sind wir froh, dass wir unserem Staat vertrauen können. Oder dass wir keine Angst vor Willkür zu haben brauchen. Etwas, so werden wir uns gerade in diesen Tagen bewusst, was ein Privileg ist, welches auch bei uns in der Schweiz nicht alle Menschen gleichermassen geniessen. 

Sind wir besser als die anderen?

Die jüngsten Ereignissen in den USA, ein Land wo ich selbst auch während eines Jahres gelebt habe, bringen uns zum Nachdenken, zum Lesen und Recherchieren. Der offensichtliche Mord an George Floyd durch einen Polizisten bringt nicht nur das farbige Amerika in Rage, sondern einen Grossteil der Welt. Uns macht es hier inmitten der Schweizer Berge traurig und nachdenklich. Die Erinnerung an den Besuch des Civil Rights Museums in Birmingham, Alabama (USA), vor vier Jahren kommt bei uns hoch. Wir spüren sie wieder, die Beklommenheit, die wir nach dem Besuch der Ausstellung, die deutlich aufzeigt, wie krass unterdrückt die Schwarzen Menschen in Amerika waren und es immer noch sind, aufkam. Und wir geraten mit Freunden aus den USA in Konflikt, weil sie die Plünderungen einiger Demonstranten laut kritisieren. Sich zur Polizeigewalt und der systematische Unterdrückung der Schwarzen in ihrem Land aber nicht äussern. Weil sie offenbar nicht sehen wollen oder können, dass es bei den Unruhen und Demonstrationen nicht nur um George Floyd geht, sondern er durch seinen Tod zum trauriges Symbol der Menschen geworden ist, die über Jahrzehnte hinweg ignoriert wurden und die jetzt lauter den je nach wirklicher, tiefgreifender Veränderung schreien. Dies zurecht. 

Es ist diese Tage ein Einfaches, die USA zu kritisieren und zu denken, bei uns ist alles viel besser. Auch wenn bei uns einiges besser läuft, so müssen wir uns eingestehen, haben auch wir in der Schweiz Probleme mit Rassismus. Die Sinti und die Jenischen kämpfen zum Beispiel immer noch um ihre Anerkennung. Und auch wenn Dylan als Person of Color offener Rassismus praktisch nie erlebt hat, so heisst dies nicht, dass er nicht existiert. Wir sollten also nicht nur die anderen kritisieren, sondern auch unser eignes Land und unser eigenes Verhalten hinterfragen. Auch in der Schweiz gibt es unverhältnismäßige Polizeigewalt gegen Schwarze. Auch bei uns starben Menschen mit farbiger Hautfarbe in den Händen der Polizei. Und es erschüttert uns persönlich, dass erst die Ereignisse in den USA diese Fälle auch in unser persönliches Bewusstsein bringen. Solidarität heisst nicht nur zu Hause zu bleiben und Distanz zu wahren, sondern auch sich mit dem zu befassen was unbequem ist und wirklich hinzuhören, wenn andere erzählen, wie es ihnen in unserem Land ergeht. Gerade weil die Schweiz für uns dieses Jahr einen höheren Stellenwert erhält. 

 

 

Einige Links, um sich weiter zu informieren: 

Auch die Schweiz hat einen George Floyd

Weitere Fälle zu Gewalt gegen People of Color in der Schweiz

Ein guter Blog zum Thema, weswegen wir getrost auf das Wort Mohrenkopf verzichten können. 

Die Schweiz und der Kolonialismus, eine Spurensuche.

 

Ein MUST-SEE Dokumentarfilm zum systematischen Rassismus in den USA. Und wenn man das WARUM hinter der Gewalt / den Demonstrationen verstehen will. 

 

Statement von Trevor Noha dazu, weshalb die Protestwelle diesmal so heftig ist.

 

Gedankenvoller Podcast von The Minimalists - Nr. 237 - Race Relations 

 

Und noch ein Text mehr zum Thema Gewalt:Violence never works. Really?

 

Eine Liste von LESESTOFFEN von Schwarzen-Autorinnen und Autoren für weiterführende Infos und Hintergründe: 

Englische Bücher: https://www.booktable.net/black-lives-matter-reading-list

Bücher auf Deutsch: https://mitvergnuegen.com/lesevergnuegen/buecher-alltagsrassismus-diskriminierung/

 


IMPRESSUM:

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