Ein Hoch auf die Veränderung

1. Januar 2020

Gestern Abend ging ein Jahrzehnt zu Ende. Wo standen wir 2010? An einem völlig anderen Punkt als heute. Ein Blick zurück, voller Dankbarkeit darüber, was in den letzten Jahren alles so passiert ist und wie sich das Leben verändert hat. 

 

 

2010 war für mich (Martina) wohl das bis anhin schwierigste Jahr überhaupt. Den Jahreswechsel 2009/2010 verbrachte ich heulend in einem Hotelzimmer in New Delhi. Während über den Dächern der Stadt die Feuerwerke in den Himmel schossen und ich die Menschen draussen jubeln hörte, zerriss es mich innerlich. Denn ganz genau genommen hatte das blödste Jahr aller Jahre bereits Mitte 2009 angefangen. Ein Telefonanruf eines Kollegen hatte mich darüber informiert, dass mein Freund in Indien im Gefängnis sitze und niemand wisse, wie lange er dort bleiben müsste. Er sei von der Polizei mit Drogen im Gepäck aufgegriffen worden. Wir hätten an diesem Silvesterabend gemeinsam oben auf der Dachterrasse stehen sollen, wir hätten das neue Jahr gemeinsam beginnen sollen. Nun sass er im Knast und ich fühlte mich gefangen in den Gefühlen der Ohnmacht, der Wut und des Schmerzes, gefangen in dieser Realität, in die er, der Mensch, den ich liebte, mich hineingeworfen hatte. Die Frage nach dem Warum, die ich stumm und immer und immer wieder an die schummrige Decke des Hotelzimmers warf, prallte jedes Mal unbeantwortet auf mich zurück.

Als ich mich an diese veränderte Realität irgendwie gewohnt, die ersten Besuche im Gefängnis überstanden hatte und mich auf das immer wieder unendlich lange warten auf die Telefonanrufe aus der 20-Mann-Zelle (die nur dann möglich waren, wenn die Wärter das in der Zellwand versteckte Mobiltelefon nicht gefunden hatten) irgendwie gewohnt hatte, mein Leben nebenher funktionierte und ich mich an die Hoffnung klammerte, dass dieser Albtraum bald ein Ende nehmen würde, weil irgendwer feststellte, dass doch alles gar nicht so gewesen war, versetzte ein weiterer Telefonanruf meiner fragilen Realität einen noch heftigeren Tritt: Bei meiner Sandkastenfreundin war Krebs diagnostiziert worden. Es war erst April und das Jahr hatte mir, hatte uns, schon so ziemlich vieles entgegengeworfen. Was würde da noch kommen?

Ein Monat später hatte die Chemotherapie bei meiner lieben Freundin gut angeschlagen, der Tumor wurde kleiner und es sah so aus, als würde dieser eine Kampf gewonnen werden können. Ja, das Jahr würde doch noch ein Gutes werden! 

So vereinbarte ich mit ihr, dass wir nach meiner Rückkehr aus Indien ihre Genesung feiern würden und packte ich im Juni trotz allem meine Koffer und fuhr zum Austauschsemester nach Indien. Immer noch hoffend, dass sich irgendwann in den nächsten Wochen auch etwas an der Situation meines Partners ändern würde. Denn ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben zumindest während ein paar Monate gemeinsam mit ihm wohnen und leben zu können.

 

Es kostete einiges an Energie trotzdem an meinem Plan festzuhalten und mich auf ein total neues Campusleben einzulassen, wo der Unterricht plötzlich auf Englisch, vermischt mit Sätzen in Hindi stattfand, wo ich plötzlich ein weißes Hemd tragen musste für die Vorlesungen und alle um mich herum unglaublich laut waren und ich mich als einzige Ausländerin irgendwie zurechtfinden musste. 

Zudem wollte und konnte ich zu Beginn keiner und keinem meiner neuen Mitstudent*innen die Wahrheit über mein Gefühlsleben erzählen. Es braucht unglaublich viel Energie vorzutäuschen, dass alles gut sei, während die Gefühlswelt in Wahrheit in Scherbe liegt. Rückblickend bin ich ihnen allen für ihre ungestüme Lebensfreude, die mich während dieser Zeit umhüllte und auch immer wieder mitriss unglaublich dankbar. Ich zähle die Zeit an der indischen Uni dank diesen Menschen, allen Umständen zum Trotz, zu einer der besten Erfahrungen meines Lebens. 

An einem der ersten Tage, wir sassen gerade in der klimatisierten Mensa beim Essen, es war draussen unerträgliche 40 Grad heiss, begann plötzlich der lang ersehnte Monsun. Alle stürzten nach draussen und begannen augenblicklich im strömenden Regen zu tanzen. Endlich war sie da, die herbeigesehnte Regenzeit! So schnell wie der Regen den gesamten Platz unter Wasser stellte, so schnell wurden Musikboxen laut aufgedreht und im wasserfallartigen Regen getanzt, bis wir alle ausser Atem, aber glücklich in den Regenpfützen lagen. Das Glück es war da, es war greifbar und dank meinen lebensfröhlichen Mitstudenten auch immer wieder für Augenblicke und manchmal Stunden bei mir. Das neue Umfeld zwang mich regelrecht dazu nicht in meiner negativen Situation zu verhaften, sondern vorwärts zu schauen, zu lachen und daran zu glauben, dass alles gut wird.

 

Mit den Freundschaften, die langsam entstanden, entstand Vertrauen und ich konnte einigen wenigen davon erzählen, wie es mir wirklich ging. Als ich mich nach ein paar Monaten entschied einen weiteren Gefängnisbesuch zu machen, innerlich spürend, dass es der Letzte sein wird, dass es an der Zeit war diese Türe zu schliessen und auf meinem Weg alleine weiter zu gehen, waren da Menschen, die sich sorgen machten um mich und mir schrieben „welcome back home“, als ich sie darüber informierte, ich sei auf dem Weg vom Bahnhof zurück zur Uni. Im Tuk-Tuk von Deshi, den ich mittlerweile mit ein paar wenigen Hindi-Sätzen selbst anrufen konnte und der immer die richtige Musik abspielte und mich mit seiner Freundlichkeit jedes Mal zum Lächeln brachte. Man findet sie überall, die guten Seelen, die Freunde. Auch in einer fremden Stadt. Man muss nur bereit dazu sein, sie zu sehen.

 

Ein Kapitel hatte sich geschlossen, die Wunden konnten verheilen und endlich konnte mir das Jahr beweisen, dass es doch ein Gutes ist. Es fühlte sich gut an, dass nach einem Jahr hoffen, warten und bangen ich selbst eine Entscheidung hatte treffen können. Dass ich loslassen wollte und es nun auch konnte. Durchatmen und mich auf mich konzentrieren, dass konnte ich während ein paar Wochen, dann schrieb meine Sandkastenfreundin aus dem Spital. Sie sei vor ein paar Tagen im Bahnhof Bern zusammengebrochen und nun sei ein zweiter Tumor, diesmal ein Hirntumor, diagnostiziert worden. 

Mir laufend die Tränen noch heute übers Gesicht, wenn ich mich an das einmal mehr hilflose Gefühl erinnere, als sie mir nochmals ein paar Wochen später eine Liste von Namen und E-Mail Adressen schickte mit der Bitte, diese Menschen über ihren Zustand zu informieren, falls sie in der Palliativ Care landen würde und nicht mehr selbst die Kraft hätte, zu informieren. Sie war eine höhere Pflegefachfrau, sie wusste wovon sie sprach. Wie froh war ich, konnte ich ihr damals die Antwort im Chat schreiben, denn Worte hätte ich keine herausgebracht. Zum Glück konnte sie über das Chat Fenster nur die von mir getippten Buchstaben sehen, nicht aber der Schmerz, der ihre Bitte bei mir auslöste. Sie hatte bereits genügend zu kämpfen, da brauchte sie meine Traurigkeit nicht auch noch.

 

2010 hielt nicht was es versprochen hatte und wurde kein gutes Jahr. Es endete mit dem Verlust diese einen Freundin, die immer für mich da gewesen war, die mich, mein Leben, meine Familie seit der Kindheit kannte und von der ich geglaubt hatte, sie würde immer zu meinem Leben dazugehören. 2010 endete, so wie es begonnen hatte. Voller Schmerz.

Vielleicht habe ich das Glück ein Aufstehmännchen zu sein, ich weiss es nicht. Denn ich war irgendwoher trotz allem davon überzeugt, dass 2011 nur besser werden konnte. Trotz dem grossen Loch in meinem Herz, wollte ich das Leben wieder mit Lebensfreude füllen, hatte das Verlangen meine Welt aktiv wieder mit Freude und Leben zu füllen. Also reiste ich nochmals nach Indien, wo ich diesmal nicht nur meine neuen Freunde besuchte, sondern auch Eltern von Freunden und Freunden von Freunden und mich diese bunte, quirlige Welt einmal mehr täglich das Dasein im Hier und Jetzt lernte. Mich zwang Dinge zu unternehmen und die nächsten Tage zu planen. 

Ein Freund eines Freundes riet mir, nach Hampi zu reisen. Dorthin wo ich schliesslich im Februar 2011 Dylan traf, der 2010 sein ganz eigene Gefühls-Achterbahn erlebte und nach genügend Leidensdruck aufgebrochen war nach dem Sinn des Lebens, der verlorenen Lebensfreude und sich selbst zu suchen. 

 

Rückblickend ist es immer wieder erstaunlich für uns beide aus wie vielen Tausenden von kleinsten Entscheiden von jedem und jeder von uns, das Leben, welches wir schliesslich erleben, besteht und geformt wird. Vieles mag einfach auf uns zu kommen, ohne das wir es ändern können, aber sehr vieles haben wir doch auch in der Hand. 

Wir können aktiv entscheiden, ob wir Vogelstrauss-Technik anwenden und den Kopf tiefer ins Unglück stecken wollen oder ob wir sagen, ja es ist scheisse, ja es tut weh, ja es zerreisst mich, aber ich glaube trotzdem immer noch daran, dass da draussen das Gute und Schöne auf mich wartet. Dass ich ein grosses Stückweit entscheiden kann, wie es mir geht und dass ich entscheiden kann, ob ich im Selbstmitleid versinke oder aktiv etwas tue, um die Wunden schneller heilen zu lassen. Zu realisieren wie viele Dinge man selbst in der Hand hat, gibt unglaublich viel Kraft.

 

Und auch wenn ich davon überzeugt bin, dass da oben im Himmel jemand die Fäden gezogen hat, damit ich im Februar 2011 auf Dylan traf, so zeigten uns die Jahre bis heute zum Anfang von 2020, wie unglaublich grosse Veränderungen möglich sind. Wie sich das Leben immer wieder ändert und jedes Jahr ein Kapitel ist, welches uns so vieles lernt. Wie Schmerz, Trauer und Angst vorübergehen und nichts so bleibt, wie es in dem einen Moment ist. Zwar auch das Gute nicht, aber eben auch das Schlechte nicht. Dass wir es manchmal einfach aushalten müssen, dabei aber nie vergessen sollten, dass wieder andere Zeiten kommen, dass die Lebensfreude noch irgendwo in uns drin steckt und sie einfach ihre Zeit braucht, bis sie wieder an die Oberfläche kommt, bis der Schlamm sich gelegt hat und wir wieder im klaren Wasser schwimmen. Und wir aber auch aktiv entscheiden können, ob wir den Schlamm immer wieder aufwühlen wollen oder wir ihn sich in Ruhe setzen lassen und dann gestärkt weiterschwimmen, dem Fluss des Lebens entlang.

 

Wir lernten uns 2011 und 2012 immer wie besser kennen und lieben, während Dylan weiter um die Welt reiste. Zogen 2013, ohne zu wissen, ob es mit uns klappt, direkt nach Dylans Rückkehr in die Schweiz zusammen, schrieben 2014 unser erstes Buch, machten uns 2015 selbstständig, kündeten 2016 unsere Wohnung und zogen in unseren Bus, heirateten und begannen unsere immer noch andauernde Vanlife-Hochzeitsreise. 2017 erlebten wir mit dem Frontalunfall erneut ein Rückschlag, zogen aber trotzdem in unseren zweiten Bus, 2018 fuhren wir gemeinsam bis in die Mongolei und 2019 war geprägt von viel Arbeit: wir realisierten unseren ersten Film und das zweite Buch, gingen gemeinsam auf Vortragstournee und kamen trotz grosser Freude an unserer Selbstständigkeit und der Arbeit, die wir lieben, hie und da an unsere Grenzen.

 

Gewisse Dinge passieren, wie sie passieren müssen, aber alle anderen Puzzleteile unseres Lebens können wir so zusammenfügen, wie wir es wollen, so wie es für uns stimmt. Und genau das ist das Wunderbare an diesem Leben. Wir können aktiv jeden Tag zu besten Tag machen. Wir entscheiden, ob wir den Kopf in den Schlamm oder hoch hinaus in dem Himmel strecken und wir sind es, die entscheiden, ob sich vor uns Probleme oder Chancen auftürmen. Ob sich Türen schliessen oder neue öffnen.

2020 wird erneut spannend, herausfordernd und wunderbar, genauso wie es wehtun, anstrengend und schwierig sein wird. Beides gehört zum Leben, gehört zu unser aller Realität, weil sich ohne das eine das andere sich nicht so kraftvoll entfalten könnte. 

Danke du vergangenes Jahrzehnt für all deine Lektionen, die uns zu dem gemacht haben was wir sind. Danke für all deine Erlebnisse und danke für alle Euch Menschen da draussen, die Teil davon sind und waren! 

 

Ein Hoch auf die Veränderung, ein Hoch auf das neue Jahrzehnt! Wir sind gespannt darauf was alles auf uns zukommt!

Alles Gute Euch allen!

 




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