Vagabunden, Penner oder doch Fahrende?

16. Mai 2017

Gehören wir nun eigentlichen den Fahrenden an? Diese Frage haben wir uns im ersten Jahr Nomadenleben immer wieder gestellt. Irgendwie schon und irgendwie doch auch nicht.

 

Als wir vor einem Jahr unsere Wohnung räumten und in den Bus zogen, gab mir meine Schwester einen Zettel, darauf hatte sie diverse Begriffe notiert. „Du bist jetzt meine Tippelschwester,“ sagte sie scherzhaft. Per Zufall hatte sie den und andere Begriffe im Duden gefunden und an uns denken müssen.

Eine Tippelschwester ist auch eine Landstreicherin, eine Nichtsesshafte, eine Vagabundin, oder eine Pennerin. Eine Übernächtlerin, Streunerin, Vagantin, Landstörzerin oder Berberin. Hinter den meisten dieser Worte steht im Duden in Klammern das Adjektiv "abwertend". Auch die Fahrenden erscheinen als Synonym zu all diesen Worten. Eine Minderheit, die in der Schweiz zwar staatlich anerkannt ist, in der Gesellschaft aber oft noch einen schlechten Ruf hat. Nach der Lektüre des Dudens erstaunt dies nicht. Offenbar haben wir Menschen ohne festen Wohnsitz, im kollektiven Gedächtnis unbewusst als etwas Negatives abgespeichert. Und dabei vergessen, dass unsere Vorfahren einst als Nomaden lebten.

Eine der dunkelsten Zeiten für Fahrende in der Schweiz war wahrscheinlich zwischen 1926 und 1973, als die Pro Juventute mit Hilfe der Behörden mehrere Hundert Kinder aus «Vagantenfamilien» ihren Eltern wegnahmen mit dem Ziel, die Kinder zu sesshaften und «brauchbaren» Menschen zu erziehen. Brauchbare Menschen – mich schauderts.

Schweizer Fahrende

Derzeit gibt es in der Schweiz, laut der Stiftung „Zukunft für Schweizer Fahrende“, 30'000 Fahrende, von denen aber schätzungsweise nur noch zwischen 2'000 und 3'000 regelmässig fahren. Sie sind Jenische, Sinti oder Romas, Volksstämme mit einer langen Nomade-Tradition. Ihnen stehen von Städten und Gemeinden zugewiesene Plätze zur Verfügung, wo sie jeweils in Wohnwagen-Karawanen hinziehen. Jetzt im Frühling drängen die warmen Temperaturen sie aus ihren Winterquartieren. Die Freiheit bräuchten sie, sagen sie. Den Wind um die Nase wollten sie spüren, raus aus der Wohnung, frei sein. Diese Sehnsucht kennen wir nur zu gut. Speziell jetzt, wo wir drei Monate auf unser rollendes Haus hatten verzichten müssen und der Frühling mit so wunderbarem Wetter Lust auf das Leben in der Natur machte, wir aber nicht los konnten.

Freiheit anders definiert

Während die Fahrenden meist in Gruppen unterwegs sind und ihre Lager gleich für mehrere Wochen irgendwo an einem Stadtrand, neben einer Kläranlage oder einer Autobahnauffahrt aufbauen, sind wir froh alleine und unabhängig hinfahren zu können wo es uns gerade gefällt, oder wo uns die Arbeit hinführt. Während wir den Freiheitsdrang nachvollziehen können, so wäre das Campieren an solch zugewiesenen Plätzen, mit so vielen anderen Menschen über eine doch relativ lange Zeit nichts was wir mit Freiheit in Verbindung bringen würden. Natürlich übernachten auch wir hie und da mal an einer Autobahnraststätte, aber wenn möglich suchen wir uns einen einsamen Ort mitten in einem Wald, am Strand, auf einem Pass mit Aussicht auf die Berge, wo uns dann nicht der Verkehrslärm, sondern bereits ein paar Stunden früher, das erste Sonnenlicht aus dem Schlaf holt. Das frühe Aufwachen und das darauffolgende Teetrinken mit der Nase in der Sonne und den Zehen noch unter der Bettdecke vermissten wir sehr. Daher baute Dylan in den letzten sechs Wochen tagtäglich von früh bis spät an Foxy dem 2.

Vanlifemovment

Während die Zahl der Fahrenden in der Schweiz abnimmt, scheint der mobile Lebensstil Europaweit und vor allem auch in den USA zuzunehmen. Es gibt immer wie mehr digitale Nomaden, die wie wir, von ihrem Laptop aus arbeiten, mit Aussicht auf die Berge anstatt auf das nächste Burnout. Unter den Hashtags #vanlife oder #vanlifemovment findet sich im Internet eine erstaunlich grosse Community zusammen. Alles Menschen, die wie wir im Bus leben. Mit einem Minimum an materialistischen Dingen und einem Maximum an Zufriedenheit – soweit sich diese von einem Instagram Profil ablesen lässt.

Vielleicht, so wagen wir manchmal zu träumen, ist die mobile Lebensform mit deutlich weniger Konsum eine Zukunftsvision, die mehrheitstauglich sein könnte.

Für uns, da sind wir bereits überzeugt davon, ist es bereits jetzt die beste Lebensform. Ich werde also vorerst noch eine ganze Weile die Tippelschwester bleiben. Aber daran hat sich meine Familie zum Glück bereits gewohnt.

 




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