BRÜCKENBAUER

1. JUNI 2017

Direkt nach dem Zoll in Diepolsau (SG) biegen wir, in Österreich angekommen, links ab. Lustenau steht auf dem Wegweiser und wir sind ungewohnt angespannt. Ein Motorradclub, so einer voller böser Buben, hat uns engagiert bei Ihnen im Club einen Vortrag zu halten. Bis zu 300 Leute kämen jeweils zu ihren Events hatten sie gesagt. Wir zwei und 300 kräftige Männer mit Bärten, Tatoos und Lederjacken? Ok, gehen wir es an.

 

Wie wir mit „Foxy dem 2.“ den schmalen Feldweg zum Clubhaus entlang holpern, kommen uns knurrige Blicke entgegen. Dann realisiert Horst, der Initiant hinter der Einladung, wer wir sind und ein breites Grinsen steigt hinter seinem Bart hervor. Er schlägt den letzten Nagel in die Holzbühne und schüttelt uns dann herzlich die Hand. Nach und nach tuen es ihm auch die restlichen Clubmitglieder gleich, die bereits hier sind, um alles vorzubereiten.

 

Dabei kommt der Humor nicht zu kurz. Weil ich auf dem Flyer geschrieben hatte „Türöffnung 19.00“, obwohl es eine Openair-Veranstaltung ist und es daher keine Türe zum Öffnen gibt, haben sich die Jungs was einfallen lassen und zeigen stolz auf die Türe, die sie von einer Baustelle abtransportiert und jetzt hier am Wegesrand aufgebaut haben. Punkt 19 Uhr wird sie geöffnet. Und zugegeben: Ich finde es super, mit diesen bösen Motorradkerlen, die mit ihren langen Haaren und den schweren Schuhen böser aussehen, als sie es effektiv sind.

 

Das Lachen ist an diesem Abend lauter und vielleicht etwas dreckiger als sonst, wenn Dylan erzählt, dass er in Kambodscha während der Regenzeit mit seinem Motorrad einen neuen Weltrekord erstellt hatte und auf 10 Meter 8 Mal umgefallen ist. Aber zum Schluss fliesst hier nicht nur das Bier, sondern auch die Tränen. Horst erzählt mir vor dem Wurststand: „Schon als ich Dylans Vortrag zum ersten Mal sah, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Und ich bin doch eigentlich ein harter Kerl. So was gibt’s doch gar nicht!“

 

Die erste Nacht

Ihr Clubhaus liegt mitten im Grünen, ein wunderschöner Ort. Laut Horst dürfen sie diese Gelände seit Jahren pachten, weil die Stadt froh sei, dass sie dann nicht im Ortskern herumlärmten, sondern hier draussen. Die bösen Buben scheinen aber mit den Jahren ruhiger geworden zu sein, oder vielleicht liegt es auch am Regen, der die ganze Nacht auf unser Dach prasselt. Oder daran, dass wir nach sechs Wochen Busumbau total übermüdet sind: Zum ersten Mal im neuen Zuhause schlafen wir herrlich und sind beim Erwachen überglücklich endlich wieder die eigenen vier selbstgebauten Wände und die Aussicht auf die Natur um uns zu haben.

Zum Frühstück erhalten wir eine schwarze Bohnensuppe, aka einen Kaffee, von Horst, direkt an den Bus serviert. Dann die Erkenntnis, dass die Skepsis durchaus nicht nur auf unserer Seite lag. Nachdem uns einer vom Club erzählt, dass er während ein paar Wochen in Kolumbien im Knast gesessen hatte, sagt er: “Ich bin jetzt mal ehrlich, als Horst sagte er will einen VORTRAG organisieren, dachte ich, dass kann nur schiefgehen. Hier bei uns, einen Reisevortrag? So was gab es noch nie. Keinem wird dieses langweilige Zeug gefallen! Aber, wow, he! Es war der Hammer! Danke wart ihr da.“

 

Dazugehören

Kleider machen Leute, sagt man, aber hinter jeder schwarzen Lederjacke steckt schlussendlich nichts anderes als eine Seele, die verstanden werden will und irgendwo dazu gehören möchte. Und offenbar gehören nun auch wir schon fast zum Club. Zum Abschied erhalten wir die Erlaubnis wann immer wir wollen auf dem Gelände zu campieren.

 Gut gibt es Brückenbauer wie Horst einer ist, der sich nicht scheut zwei unterschiedliche Welten zusammen zu bringen. Lustenau, wir kommen wieder! Jetzt sind wir aber erst mal unterwegs in Richtung Tschechei.

 




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Dylan Wickrama & Martina Zürcher

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