Losfahren - Loslassen

1. August 2016

Während ich schreibe, fahren wir durch den Regen. Wir fahren in unserem Haus, auf der Autobahn in Richtung Zürich. Unser Haus ist ein VW-Bus, Jahrgang 2005, der Kilometerzähler steht bei 388'132. Laufend (also fahrend) kommen mehr dazu. Züri, dann weiter, Endziel unbekannt. Den nächsten fixen Termin haben wir erst im August.
Bis letzten März nannten wir Biel unser zu Hause. Vor einem Jahr wussten wir nicht, dass wir unsere Wohnung auflösen und die Möbel verkaufen oder einstellen würden, um unser Leben auf vier Räder zu verschieben. Zuvor hatten wir öfters von einem mini Haus geträumt, uns vorgestellt irgendwo im Jura ein Stück Land zu finden, wo wir dieses kleine Traumhäuschen an einen Waldrand bauen könnten. Aber Waldränder sind in der Schweiz meist kein Bauland, auch nicht für noch so kleine Häuser. Irgendwann letzten Winter merkten wir: Wir haben ja bereits ein kleines Haus! Unser VW-Bus!. Wir schrieben am selben Abend die Kündigung für die Wohnung und begannen nach und nach Schränke und Kästen auszusortieren, Dinge zu verkaufen, zu entsorgen oder zu verschenken. Mit jedem Stück, welches wir weniger besassen, freuten wir uns mehr auf die Zukunft ohne festes zu Hause.

 

„Vermisst du unsere Wohnung?“, fragte mich mein Mann vor ein paar Tagen. Ich hatte nie darüber nachgedacht. Ein gutes Zeichen. Ich habe eher das Gefühl, dass wir immer noch zu viel haben. Auf engem Raum, merkt man viel eher was man hat und doch nie benutzt. Oder vielleicht wie wenig wir eigentlich brauchen, um zufrieden zu sein. Überhaupt, der ganze Alltag ist viel bewusster: Wenn wir kochen, dann muss die Küche zuerst aufgebaut werden, dafür brennt nichts an, weil der TV anstelle der Herdplatte die Aufmerksamkeit abbekommt. Während des Zähneputzens checken wir nicht nebenher die E-Mails, sondern geniessen die Aussicht. Die Kühlbox bietet weniger Platz als ein Kühlschrank, also kaufen wir Tag für Tag frisch ein. Aufwachen ist nicht ein murrendes auf den Wecker Hauen, sondern ein sanfter Kuss des ersten Tageslichtes und dann beim Blick nach draussen ein pures Glücksgefühl. Die Arbeitsstunden sind intensiv und kein gelangweiltes vor sich hin surfen, da wir häufig in Cafés arbeiten, um eine gute Internetverbindung zu haben. Und wenn Draussen, wie zum Beispiel letzte Woche, die irische Küste auf uns wartet, dann erledigt sich die Arbeit am Computer automatisch effizienter.

 

Aber warum gibt man so vieles auf und verzichtet auf den Komfort einer Wohnung? Weil ein immer wechselnder Alltag viel spannender und intensiver ist, als der immer gleiche Komfort. Weil sich ohne hohe laufende Kosten neue finanzielle Möglichkeiten eröffnen. Und da wir für die Multimediavorträge, Lesungen und Motivationstalks zu unserem Buch sowieso sehr viel unterwegs sind, ist es auch ein Komfort nach einem Auftritt einen ruhigen Ort suchen zu können und zu schlafen, ohne noch zwei, drei Stunden nach Hause zu fahren oder ein Hotelzimmer zu bezahlen. Und dann ist da für uns der wohl grösste Komfort: Einmal am Strand, das nächstem Mal bei einem Bergsee oder auf einem Pass aufzuwachen ist unbezahlbar. Ein Leben auf Rädern ist ein Leben in der Natur. Der Kilometerzähler steht bei 388'201. Welche Aussicht uns wohl morgen früh erwartet?

 

DIESER BLOGEINTRAG IST EIN REPOST DER KOLUMNE, DIE WIR IM BIELERTAGBLATT EINMAL PRO MONAT PUBLIZIEREN.

 




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