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Brückenbauer in Lustenau

Brückenbauer

 

Nach dem Unfall im Januar ist unser neues Bus-Zuhause endlich fertig und wir sind wieder back on the road!

Unsere erste Ausfahrt führte uns nach Österreich und dann in die Nähe von Prag.

 

Direkt nach dem Zoll in Diepolsau (SG) biegen wir in Österreich angekommen links ab. Lustenau steht auf dem Wegweiser und wir sind ungewohnt angespannt. Ein Motorradclub, so einer voller böser Buben, hat uns engagiert bei Ihnen im Club einen Vortrag zu halten. Bis zu 300 Leute kämen jeweils zu ihren Events hatten sie gesagt. Wir zwei und 300 kräftige Männer mit Bärten, Tatoos und Lederjacken? Ok, gehen wir es an.

 

Wie wir mit „Foxy dem 2.“ den schmalen Feldweg zum Clubhaus entlang holpern kommen uns knurrige Blicke entgegen. Dann realisiert Horst, der Initiant hinter der Einladung, wer wir sind und ein breites Grinsen steigt hinter seinem Bart hervor. Er schlägt den letzten Nagel in die Holzbühne und schüttelt uns dann herzlich die Hand. Nach und nach tuen es ihm auch die restlichen Clubmitglieder gleich, die bereits hier sind um alles vorzubereiten.

 

Dabei kommt der Humor nicht zu kurz. Weil ich auf dem Flyer geschrieben hatte „Türöffnung 19.00“, obwohl es eine Openair-Veranstaltung ist und es daher keine Türe zum Öffnen gibt, haben sich die Jungs was einfallen lassen und zeigen stolz auf die Türe, die sie von einer Baustelle abtransportiert und jetzt hier am Wegesrand aufgebaut haben. Punkt 19 Uhr wird sie geöffnet. Ich finde es super, mit diesen bösen Motorradkerlen, die mit ihren langen Haaren und den schweren Schuhen böser aussehen, als sie es effektiv sind.

 

 

Das Lachen ist an diesem Abend lauter und vielleicht etwas dreckiger als sonst, wenn Dylan erzählt, dass er in Kambodscha während der Regenzeit mit seinem Motorrad einen neuen Weltrekord erstellt hatte und auf 10 Meter 8 Mal umgefallen ist. Aber zum Schluss fliesst hier nicht nur das Bier, sondern auch die Tränen. Horst erzählt mir vor dem Wurststand: „Schon als ich Dylans Vortrag zum ersten Mal sah, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Und ich bin doch eigentlich ein harter Kerl. So was gibt’s doch gar nicht!“

 

 

Die erste Nacht

 

Ihr Clubhaus liegt mitten im Grünen, ein wunderschöner Ort. Laut Horst dürfen sie diese Gelände seit Jahren pachten, weil die Stadt froh sei, dass sie dann nicht im Ortskern herumlärmten, sondern hier draussen. Die bösen Buben scheinen aber mit den Jahren ruhiger geworden zu sein, oder vielleicht liegt es auch am Regen, der die ganze Nacht auf unser Dach prasselt. Oder daran, dass wir nach sechs Wochen Busumbau total übermüdet sind: Zum ersten Mal im neuen Zuhause schlafen wir herrlich und sind beim Erwachen überglücklich endlich wieder die eigenen vier selbstgebauten Wände und die Aussicht auf die Natur um uns zu haben.

 

Zum Frühstück erhalten wir eine schwarze Bohnensuppe, aka einen Kaffee, von Horst, direkt an den Bus serviert. Dann die Erkenntnis, dass die Skepsis durchaus nicht nur auf unserer Seite lag. Nachdem uns einer vom Club erzählt, dass er während ein paar Wochen in Kolumbien im Knast gesessen hatte, sagt er: “Ich bin jetzt mal ehrlich, als Horst sagte er will einen VORTRAG organisieren, dachte ich, dass kann nur schiefgehen. Hier bei uns, einen Reisevortrag? So was gab es noch nie. Keinem wird dieses langweilige Zeug gefallen! Aber, wow, he! Es war der Hammer! Danke wart ihr da.“

 

 

Dazugehören

 

Kleider machen Leute, sagt man, aber hinter jeder schwarzen Lederjacke steckt schlussendlich eine Seele, die verstanden werden will und irgendwo dazu gehören möchte. Und offenbar gehören nun auch wir schon fast zum Club. Zum Abschied erhalten wir die Erlaubnis wann immer wir wollen auf dem Gelände zu campieren.

 

Gut gibt es Brückenbauer wie Horst einer ist, der sich nicht scheut zwei unterschiedliche Welten zusammen zu bringen. Lustenau, wir kommen wieder! Jetzt sind wir aber erst mal unterwegs in Richtung Tschechei.

Vagabunden, Penner oder doch Fahrende?

Vagabunden, Penner oder doch Fahrende?

Gehören wir nun eigentlichen den Fahrenden an? Diese Frage haben wir uns im ersten Jahr Nomadenleben immer mal wieder gestellt. Irgendwie schon und irgendwie doch auch nicht.

 

Als wir vor einem Jahr unsere Wohnung räumten und in den Bus zogen, gab mir meine Schwester einen Zettel, darauf hatte sie diverse Begriffe notiert. „Du bist jetzt meine Tippelschwester,“ sagte sie scherzhaft. Per Zufall hatte sie den und andere Begriffe im Duden gefunden und an uns denken müssen.

Eine Tippelschwester ist auch eine Landstreicherin, eine Nichtsesshafte, eine Vagabundin, oder eine Pennerin. Eine Übernächtlerin, Streunerin, Vagantin, Landstörzerin oder Berberin. Hinter den meisten dieser Worte steht im Duden in Klammern das Adjektiv "abwertend". Auch die Fahrenden erscheinen als Synonym zu all diesen Worten. Eine Minderheit, die in der Schweiz zwar staatlich anerkannt ist, in der Gesellschaft aber oft noch einen schlechten Ruf hat. Nach der Lektüre des Dudens erstaunt dies nicht. Offenbar haben wir Menschen ohne festen Wohnsitz, im kollektiven Gedächtnis unbewusst als etwas Negatives abgespeichert. Und dabei vergessen, dass unsere Vorfahren einst als Nomaden lebten.

Eine der dunkelsten Zeiten für Fahrende in der Schweiz war wahrscheinlich zwischen 1926 und 1973, als die Pro Juventute mit Hilfe der Behörden mehrere Hundert Kinder aus «Vagantenfamilien» ihren Eltern wegnahmen mit dem Ziel, die Kinder zu sesshaften und «brauchbaren» Menschen zu erziehen. Brauchbare Menschen – mich schauderts.

Schweizer Fahrende

Derzeit gibt es in der Schweiz, laut der Stiftung „Zukunft für Schweizer Fahrende“, 30'000 Fahrende, von denen aber schätzungsweise nur noch zwischen 2'000 und 3'000 regelmässig fahren. Sie sind Jenische, Sinti oder Romas, Volksstämme mit einer langen Nomade-Tradition. Ihnen stehen von Städten und Gemeinden zugewiesene Plätze zur Verfügung, wo sie jeweils in Wohnwagen-Karawanen hinziehen. Jetzt im Frühling drängen die warmen Temperaturen sie aus ihren Winterquartieren. Die Freiheit bräuchten sie, sagen sie. Den Wind um die Nase wollten sie spüren, raus aus der Wohnung, frei sein. Diese Sehnsucht kennen wir nur zu gut. Speziell jetzt, wo wir drei Monate auf unser rollendes Haus hatten verzichten müssen und der Frühling mit so wunderbarem Wetter Lust auf das Leben in der Natur machte, wir aber nicht los konnten.

Freiheit anders definiert

Während die Fahrenden meist in Gruppen unterwegs sind und ihre Lager gleich für mehrere Wochen irgendwo an einem Stadtrand, neben einer Kläranlage oder einer Autobahnauffahrt aufbauen, sind wir froh alleine und unabhängig hinfahren zu können wo es uns gerade gefällt, oder wo uns die Arbeit hinführt. Während wir den Freiheitsdrang nachvollziehen können, so wäre das Campieren an solch zugewiesenen Plätzen, mit so vielen anderen Menschen über eine doch relativ lange Zeit nichts was wir mit Freiheit in Verbindung bringen würden. Natürlich übernachten auch wir hie und da mal an einer Autobahnraststätte, aber wenn möglich suchen wir uns einen einsamen Ort mitten in einem Wald, am Strand, auf einem Pass mit Aussicht auf die Berge, wo uns dann nicht der Verkehrslärm, sondern bereits ein paar Stunden früher, das erste Sonnenlicht aus dem Schlaf holt. Das frühe Aufwachen und das darauffolgende Teetrinken mit der Nase in der Sonne und den Zehen noch unter der Bettdecke vermissten wir sehr. Daher baute Dylan in den letzten sechs Wochen tagtäglich von früh bis spät an Foxy dem 2.

Vanlifemovment

Während die Zahl der Fahrenden in der Schweiz abnimmt, scheint der mobile Lebensstil Europaweit und vor allem auch in den USA zuzunehmen. Es gibt immer wie mehr digitale Nomaden, die wie wir, von ihrem Laptop aus arbeiten, mit Aussicht auf die Berge anstatt auf das nächste Burnout. Unter den Hashtags #vanlife oder #vanlifemovment findet sich im Internet eine erstaunlich grosse Community zusammen. Alles Menschen, die wie wir im Bus leben. Mit einem Minimum an materialistischen Dingen und einem Maximum an Zufriedenheit – soweit sich diese von einem Instagram Profil ablesen lässt.

Vielleicht, so wagen wir manchmal zu träumen, ist die mobile Lebensform mit deutlich weniger Konsum eine Zukunftsvision, die mehrheitstauglich sein könnte.

Für uns, da sind wir bereits überzeugt davon, ist es bereits jetzt die beste Lebensform. Ich werde also vorerst noch eine ganze Weile die Tippelschwester bleiben. Aber daran hat sich meine Familie zum Glück bereits gewohnt.

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Muy feliz!

Julio & das Glück

Den letzten Monat haben wir in Panama verbracht, um unser Dokumentarfilm zu realisieren. Eine erste Geschichte aus dem Darien, zeigt das Glück nicht dem Zufall überlassen ist, sondern in uns zu finden ist.

Ich kann nicht aufhören zu grinsen. Wir fahren in einem kleinen Motorboot, einem sogenannten Panga, durch die Flussmündung hinaus ins Meer. Etwas später ziehen Felswände und Hügel bewachsen mit sattgrünem Dschungel an uns vorbei, Pelikane segeln über unsere Köpfe, fliegende Fische springen neben uns aus dem Wasser. Ich kann unserem Kapitän nur zu stimmen. „Muy lindo.“ Es ist wunderschön hier, an dem Ort, der so ganz von der Welt abgeschnitten ist. Wir sind in der Provinz Darien, im Süden von Panama. Was wir sehen, ist der Darien Dschungel; er streckt sich zwischen Panama und Kolumbien weit über Berge und Täler aus und macht es unmöglich auf der Strasse von einem ins andere Land zu gelangen.

Während wir uns für den Dokumentarfilm zu unserem Buch via Boot weiter Richtung Kolumbien bewegen, wird es schnell normal, den Pass an einen Polizisten auszuhändigen und das Gepäck nach der Rückkehr an Land von einem Drogenspürhund beschnüffeln zu lassen. Aber die Schönheit dieser verlassenen Gegen, die Einfachheit des Lebens fasziniert mich. Dylan, der hier bereits vor vier Jahren mangels Strassen mit seinem Motorradfloss unterwegs war, sowieso. Für den Film suchen wir nun die Menschen auf, die ihm damals bei seinem Abenteuer unterstützt haben. Dabei finden wir nicht nur Freunde wieder, sondern auch wunderbare Geschichten.

 

Die von Julio zum Beispiel. Als Dylan ihn damals zum ersten Mal traf, war er gerade erst mit Frau und Kindern in Ardita, einem Dorf bestehend aus neun Familien, angekommen. Sie waren 10 Tage durch den Dschungel marschiert, um der andauernden Gewalt, die zwei Gangs in ihrer Heimat verbreiteten, zu entkommen. Im Gepäck nichts ausser dem Mut neu anzufangen.

Das erste was er zu mir sagt ist: „Er gab mir damals 20Dollar!“ Und Dylan erklärt, dass er dem Mann nicht anders hatte unterstützen können als mit 20 Dollar —alles was er damals noch übrig hatte, nachdem er sechs Wochen auf dem Pazifik unterwegs gewesen war. Jetzt will Julio unbedingt, dass wir am nächsten Morgen seine Finca besuchen.

Um sieben Uhr in der Früh holt er uns ab, es folgen 20 Minuten Fussmarsch durch den Dschungel. Über mächtige Baumwurzeln, durch Sumpf und Flussbette gehen wir Julio hinter her, der in seinen Gummistiefeln zügig vorangeht. Irgendwann kreuzen wir sechs seiner acht Kinder auf dem Weg zur Schule. Dann plötzlich, in einer Flussbiegung ein grosses Holzhaus auf Pfählen, gedeckt mit einem einfachen Palmenblätterdach. Die Hunde begrüssen uns bellend, während die Hühner und Katzen uns nicht beachten und die Schweine sich überglücklich über den Mais hermachen, der Julio ihnen vorwirft. Um das Haus herum führt er uns über sein Farmland, welches er und seine Frau sich in den letzten Jahren erarbeitet haben. „Ihr habt diese alles selbst gemacht?“, fragen wir mehr als einmal und Julio ist sichtlich stolz. Er hat dem Dschungel ein Stück Land gestohlen und daraus eine kleine Farm gemacht, die es ihm ermöglicht seine Familie zu ernähren und den Kopf über Wasser zu halten. Sie haben Mais, Papaya, Ananas, Avocados, Kartoffeln, Kochbananen und vieles mehr angebaut. Er muss wie verrückt gearbeitet haben in den letzten Jahren; Wahnsinn was er hier mitten im Dschungel geschafft hat.

Dann erhalten wir einen schwarzen Kaffee und eine frisch gepflückte Papaya gereicht. Das wohl beste Frühstück der gesamten Reise und als wären wir nicht schon über die Kraft seines Willens gerührt, verschwindet Julios Frau hinter einem Vorhang und kommt dann mit einem zerknitterten Dollarschein in der Hand zurück. Sie reicht ihn Julio und dieser sagt zu Dylan: „Schau, diesen einen Dollar von den 20, die du mir damals gegeben hast, habe ich aufbewahrt, um dich in Erinnerung zu behalten!“ Wir sind sprachlos und froh den beschwerlichen Weg in das kleine Dorf auf uns genommen zu haben.

Geld bedeutet zu leben, zu überleben, wir brauchen es, Julio braucht es. Die Frage ist aber wie viel brauchen wir wirklich? Oder wie viele der Dinge, die wir haben, bräuchten wir nicht? Wie vieles besitzen wir, von dem wir nicht einmal mehr wissen, dass wir es haben?

Ein fetter Schlitten vor dem grossen Haus?

„Julio, bist du glücklich?“ fragen wir den Mann, der in einem einfachen T-Shirt und abgewetzten Hosen vor uns steht. Der seine Heimat vor fünf Jahren auf der Suche nach dem Traum von einem Leben in Frieden verlassen hat. „Ja!“ sagt er ohne zu zögern „Muy feliz!“ Sehr glücklich! Seine Augen strahlen und er verliert kein Wort darüber wie anstrengend die letzten Jahre für ihn gewesen sein müssen. Er zeigt uns, hier mitten im Dschungel, abgeschnitten vom Rest der Welt, was es bedeute, wenn wird das Glück im Herzen anstatt auf dem Bankkonto tragen.

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Aufgerüttelt

Jeden Tag leben!

 „Oh Scheisse!“, ist alles was Dylan sagen kann. Wie ich aufblicke sehe ich nur noch ein Auto seitwärts auf uns zu fliegen. Ein unglaublich lautes Krachen folgt und dann das pure Chaos. Im Kopf und auf der Strasse.

Wie durch ein Wunder können wir beide praktisch unverletzt aussteigen, ich kann zwar mein rechts Bein nicht belasten, aber egal ­ wir sind am Leben! Weiter vorne beginnt ein total zerquetschtes Auto zu qualmen. Dylan rennt hin und zieht die Beifahrerin heraus. Ich atme schwer, sitze auf der Leitplanke und versuche zu verstehen was passiert ist. Menschen kommen und helfen. Was ist passiert, fragen sie? Wo ist ihr Beifahrer? Wie geht es Ihnen?

Die Autobahn sieht aus wie ein Trümmerfeld, hinter uns liegt das Auto, welches auf uns zugeflogen kam, in tausend Stücke zerteilt. Was ist passiert? Ich weiss es nicht.

Das Leben leben

Sieben Stunden später steht Dylan vor knapp 200 Menschen und hält seinen Vortrag. Die Jeans hat Blutflecken und das Publikum, welches vom „Horrorunfall“ auf der A4 kurz vor Aachen (Deutschland) aus den Nachrichten gehört hat, ist sichtlich betroffen. Als Dylan zum Schluss des Vortrages davon erzählt wie wichtig es ist an seine Träume, an sich selbst und an seine Fähigkeiten zu glauben und im Leben zu tun was einem glücklich macht, werden uns zwei Dinge so richtig bewusst: Wir könnten tot sein. Aber wir wären von der Welt gegangen mit dem Wissen, dass wir unser Leben so leben, wie wir es lieben. Genau deshalb war es Dylan so wichtig den Vortrag trotz den unglaublichen Umständen zu halten, obwohl die Organisatoren den Event absagen wollten. „Ich will und ich kann! Es ist mir seit heute noch viel wichtiger die Menschen dazu zu inspirieren ihre Träume zu leben!“

Ja, wir haben keine Zeit zu warten auf den Richtigen Zeitpunkt. Daran mögen wir in Normalfall nicht denken, denn wir wollen alle möglichst lange leben. Aber was bringt es uns ein Leben lang wie blöd zu schuften und dann kaum in Pension, an einem Herzinfarkt zu sterben, jetzt wo wir endlich Zeit für uns hätten? Was hilft es uns Geld zu sparen für später, wenn wir plötzlich mit 34 Jahren todkrank sind? Was bringt es Probleme ungelöst zu lassen, weil gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist sie anzugehen, wenn wir eines schönen Tages plötzlich auf der Autobahn von einem Irren über den Haufen gefahren werden und keine Zeit mehr haben Dinge zu ändern? 

Nehmt Euch jetzt Zeit für Eure Träume und Pläne! Arbeitet an einem Ort wo ihr täglich mit Spass hingeht und falls dies nicht der Fall ist ändert etwas. Das Leben ist zu kurz, um unglücklich zu sein und Dinge nach hinten zu verschieben.

Plötzlich vor der Mordkommission

Natürlich hatten wir Angst unsere geregelten Jobs und damit das geregelte Einkommen aufzugeben, natürlich hatten wir Bammel davor wie es sein wird ohne Wohnung zu leben. Aber wir taten alles mit unserem Herzen und es kam gut. Was nicht heisst, dass es immer einfach ist. Derzeit ist unser Hab und Gut überall im Haus meiner Eltern verstreut, wir mussten innerhalb weniger Tage einen neuen Bus kaufen und Dylan verbringt wiederum Stunden mit dem Umbau. Geld von der Seite des Schädigers werden wir noch lange nicht sehen. Denn nach dem Unfall sassen wir plötzlich vor der Mordkommission. Ein Falschfahrer, der sich das Leben nehmen wollte, war auf der Autobahn voll Gas in den Gegenverkehr gefahren. Zwei Menschen verloren so auf tragische Weise ihr Leben, während der Selbstmörder ironischerweise noch lebt und sich so zum Mörder machte. Da er sein Auto als „Waffe“ eingesetzt hat, ist seine Versicherung im Recht nicht zu bezahlen. Irgendwann, so unsere Anwältin, werden wir Geld von der Unfallopferhilfe sehen. Aber dies wird dauern.

Sind wir wütend auf den Menschen? Sind wir unglücklich darüber was uns passiert ist? Nein, wir sind schockiert und aufgerüttelt. Zutiefst betroffen, dass jemand sterben musste an jenem Tag, an jenem Ort. Aber, wir schätzen seit dem Unfall jeden Tag viel intensiver als zuvor. Unser Bus und zu Hause mussten wir innerhalb von zwei Tagen einfach ausräumen und zurücklassen, aber er ist ersetzbar. Wir haben vielen mühseligen Papierkram zu erledigen und ich habe immer noch Schmerzen in meinem Knie, während Dylan erneut Tage mit dem Umbau des neuen Busses verbringt. Aber anstatt uns darüber zu beklagen, freuen wir uns darüber, dass wir gemeinsam hier sind, um all dies überhaupt zu tun.

Foxy, unser ehemaliges zu Hause, hat uns und vielleicht anderen das Leben gerettet. Wären nicht wir mit dem so stark gebauten Auto in dem Moment da gewesen wo wir waren als der Unfall passierte, was dann? Ein kleinere PKW wäre unter dem Gewicht des heranfliegenden Autos zerborsten, es könnten mehr Menschen tot sein. Zudem hat Foxy den Wahnsinnigen von der Strasse gefegt und dafür gesorgt, dass nicht noch mehr Menschen hinter uns zu Schaden kamen. So gesehen sind wir sogar dankbar dafür, dass wir in der Situation waren und nicht jemand anderes, mit einem anderen Auto.

Schicksalsschläge werden uns immer wieder vor die Füsse geworfen, was uns dabei bleibt, ist die Wahl der Perspektive. Es wird alles gut, ist unser Lebensmotto und es ist für uns nicht nur eine Floskel. Wir glauben daran und so arbeiten wir mit Freude an Foxy dem Zweiten. Dabei erfreuen wir uns über das, wenn auch ungewollte, Upgrade. Schliesslich sind es die positiven Gedanken, die uns Energie und Kraft geben. Wir haben jetzt ein Hochdach, eine Standheizung und einen halben Meter mehr Platz als zuvor. Zudem: Wir sind am Leben! Alles andere ist zweitrangig.

Es ist bereits alles gut! Sehr gut sogar.

Zwischen den zwei Bildern liegen drei Stunden und zwei Welten ...

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Vom Sand in den Schnee

Schneeweiss

Von Afrika nach Deutschland und von Kalt zu sehr kalt. Während einer Winternacht im VW Bus bei Minustemperaturen wärmen Erinnerungen aus Sansibar uns auf.

Hinter jeder Kurve thront hoch oben auf den Felsen eine andere Burgfestung. Wie muss es gewesen sein damals, als hier tatsächlich noch Ritter und Fürsten lebten? Als Pferdekutschen über die steinigen Wege holperten anstatt Autos über die Teerstrassse. Der Rhein war damals höchstens von Holzschiffen befahren und nicht von Lastkähnen wie jetzt. "Viking Tours" steht auf einem Schiffssteg angeschrieben und in unserer Fantasie sehen wir die Vikingerboote aus dem hohen Norden langsam hinter den Felsen erscheinen. Die Loreley, im oberen Mittelrheintal hätten wir sehr wahrscheinlich nie bewusst bereist, aber auf dem Weg nach Aachen, wo wir einen Vortrag hielten, fuhren wir auf der Suche nach einem Nachtlager spontan von der Autobahn und staunten nicht schlecht, als wir die kleine Schönheit in ihren Wintermantel eingehüllt entdeckten.

Von Sanibar in die Loreley
Loreley was für ein Name! Er klingt so verträumt wie Sansibar. Weiss ist hier aber nicht der Sand, sondern der Schnee und während wir letzte Woche noch den Ventilator benötigten, um schlafen zu können, kuscheln wir uns jetzt unter drei Decken und setzen eine Mütze auf, um nicht zu frieren. Aber wir herrlich wir in unserem Foxy schlafen! Unser tiefer, fester Schlaf scheint zu bestätigen, dass es zu Hause halt doch am besten ist. Offenbar auch, wenn zu Hause immer da ist, wo wir gerade parken. Vielleicht schläft Dylan auch so tief und fest, – es ist 7 Uhr in der Früh, ich wärme meine Hände an einer Tasse Tee und tippe in meinen Laptop, während Dylan neben mir schlummert, ohne sich durch das Geschepper mit Pfanne und Tasse auf dem
Gasrechaud stören zu lassen –  weil er die Anstrengung des Segelrennens noch immer in den Knochen spürt.
Was uns nämlich Ende Jahr nach Sansibar gelockt hatte, war der Ngalawa Cup. Ein Rennen mit traditionellen ostafrikanischen Segelbooten von Sansibar über 450km bis ans tansanische Festland. Während ich am Strand unter Palmen die Buchhaltung des alten Jahres abschloss, segelte Dylan in der ersten Woche des neuen Jahres gemeinsam mit zwei Freunden für einen guten Zweck in einem ausgehöhlten Mangobaum durch den indischen Ozean. Das kleine Boot mit zwei seitlichen Auslegern und einem Segel war eine ziemliche Herausforderung, da es total anders reagiert als ein herkömmliches Segelboot. Dylans ungewöhnliche Erfahrung als Kapitän eines selbstgebauten Motorradflosses kamen da nicht ungelegen. Aber die Stunden unter der Sonne und meist über den Wellen (ja, die Boote können ziemlich einfach sinken), zerrten an der Energie.

Segelsieg auf Sansibar
Spass hat es den drei allerdings gemacht, und wie! Zumal sie den Cup unerwartet mit einem Sieg beendeten. Von den neun Teams, die aus aller Welt kamen, war das Schweizer "Team Bayasgalant", benannt nach der Kinderhilfe Mongolei, deren Arbeit mit dem Abenteuer unterstützt wurde, nach acht Tagesetappen als schnellstes am Ziel! Eine tolle Überraschung, welche (gemeinsam mit einem Palmenschnaps) die Strapazen in den Hintergrund rutschen liess.
Organisiert wird der Ngalawa Cup von The Adventurist, einer britischen Organisation, welche abenteuerliche und vor allem spassige Events auf die Beine stellt, um Fundraising zu betreiben. In den letzten Jahren wurden so über 5 Millionen Spendengelder für diverse Organisationen und Zwecke gesammelt. Dank "Team Bayasgalant" wurden es 3000 Franken mehr für Kinder in der Mongolei, denen gerade ein Winter bei bis zu -50 Grad bevorsteht.
Beim Gedanken daran sind die Kältewellen hier in Deutschland und der Schweiz, sowie das Schlafen im Bus trotz Winter gerade wieder mehr als erträglich, zumal wir es aus freiem Willen und mit viel Spass tun. Und zumal ich als Mitgründerin von Bayasgalant bereits viele Male in der Mongolei war und weiss wie sich der Winter in der kältesten Hauptstadt der Welt anfühlt.

 

www.bayasgalant.org für mehr Infos zur Kinderhilfe Mongolei

www.theadventurists.com für mehr Infos zum Ngalawa Cup

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Gedanken zu Weihnacht

Es spielt keine Rolle!

Normalerweise hören wir die Muezzins aus den umliegenden Moscheen ihre Gebete ausrufen. Gestern tanzten durch unsere offenen Fenster aber die Töne von Weihnachtsliedern. Zum Leben erweckt von Kindern und Jugendlichen, die in der nah gelegenen Kirche üben für den Gottesdienst am Weihnachtsabend. Als wenig später tatsächlich die Stimme eines Muezzins melancholisch durch die Nacht tönt, habe ich das Gefühl in seinem Gesang die lieblichen Melodien des Kinderchors herauszuhören. Schuld daran ist Sansibar.

 

Als wir vor zwei Wochen hier ankamen, klangen, ich gebe es zu, die Rufe des Muezzins für mich nicht sehr melancholisch. Immer wenn ich zum Ende das unvermeidliche „Allahu Akbar“ hörte, verband ich es, ISIS sei Dank, mit Terror. Dies obwohl ich nie und nimmer der Meinung bin, dass alle Muslime Terroristen sind. Schockierend sich selbst zu beobachten und zu realisieren, was unbewusst passiert.

 

Dann aber hat der Alltagstrubel von Sansibar uns erfasst und uns immer wieder Begegnungen mit Menschen vor die Füsse geworfen, die uns ihre Geschichten erzählten.

Es war da Christopher der Christ, der eine muslimische Freundin hat und dies weder vor seiner noch vor ihrer Familie verstecken muss. Es ist Zakya unsere selbstbewusste Vermieterin, die zum Dritten Mal verheiratet ist und ihr eigenes Gästehaus führt. Sie Muslima, ihr Mann auch, aber mit Rastas und einer Vorliebe für Motorräder. Sie betet, er scheint nicht zur Moschee zu gehen. Da ist Neema, deren zwei älteste Söhne gerade von der Koranschule kommen, als wir sie in einem kleinen Restaurant am Strassenrand treffen. Den Jüngsten, er heisst Ramadan, weil er während des Fastenmonates zu Welt kam, sitzt auf ihrem Schoss. Als er anfängt zu weinen, zieht sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern ihre Brust aus dem Kleid und stillt das Baby. Wir sind positiv überrascht, dass sie als muslimische Frau dies mitten in der Öffentlichkeit tut. Es scheint für sie das normalste der Welt. „Ich bin im Herzen Muslimin. Dies ist das Wichtigste“, sagt sie im weiteren Verlauf unseres Gesprächs und hat dabei keine Ahnung was für eine Inspiration sie ist.

 

Und dann treffen wir Sarah, eine Jüdin, die vor zehn Jahren von Israel nach Sansibar kam, unter anderem weil hier alle friedlich zusammenleben und sich gegenseitig respektieren. Sie führt einen kleinen Laden in einem Dorf, mitten auf der Insel und will dort, sobald sie die Bewilligung der Behörden hat, Touren anbieten, welche Einblicke in die Swahilikultur geben. Dazu hat sie Leute aus dem Dorf zu Touristenführern ausgebildet. „Dies ist mir wichtig, denn die Dörfer kommen mit all dem Tourismus hier zu kurz. Wir haben hier bloss 10 Häuser mit Strom, 300 haben keinen.“ Wir trafen sie, weil wir spontan am Strassenrand anhielten und nach einem Restaurant fragten, die hier ausserhalb der Touristenzonen sehr rar sind. Wenig später erhielten wir aus dem Nachbarhaus einen Teller voller Reis, Bohnen und Hähnchen serviert. Dazu eine Geschichte, die uns berührt.

 

Vor vielleicht 15 Jahren besuchte Sarah zusammen mit ihrer Tochter Tansania. Sie gingen auf eine Wanderung mit einem lokalen Führer. Der stellte sich ihnen zu Beginn des Tages als Francis, verheiratet und Katholik vor. Sie nahmen dies zur Kenntnis und marschierten los. Wenig später kam ihnen über eine Anhöhe ein Mann in einer langen weissen Robe und einem Käppi entgegen, offensichtlich ein Muslim. Die beiden begrüssten sich, sprachen zusammen und nach einer Weile hätte Francis zu ihnen gesagt: „Dies ist Juma, mein Bruder.“ Sie schüttelten sich die Hand und als sie nach einer Weile ihren Weg fortsetzten, fragte Sarah nach. „Also du meinst dein Bruder, weil ihr gute Freunde seid?“

„Nein, nein er ist mein Bruder.“

„Also dann habt ihr eine andere Mutter oder einen anderen Vater?“

„Nein, gleiche Mutter, gleicher Vater. Eine Familie.“

Die Frau, mit kurzen schwarzen Haaren, die bereits einige Bücher über die Swahilikultur und das Leben auf Sansibar geschrieben hat, erzählt lebhaft davon wie Francis sie auf ihre Fragen hin total erstaunt und ratlos angeschaut habe.

„Er hat überhaupt nicht begriffen, auf was ich hinauswollte. Also musste ich es formulieren.“ So fragte sie ihn, wie es sein kann, dass sein Bruder ein Muslim sei, er aber Katholik? Eine solche Frage hätte Francis offensichtlich noch nie gehört. Er erwiderte erstaunt: „Es ist halt einfach so. Spielt es eine Rolle?“

Nein! Es spielt keine Rolle und es sollte nirgends und niemals eine Rolle spielen.

 

Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Religion der anderen wird auch hier auf dem mehrheitlich muslimischen Sansibar, welches zu Tansania gehört, aber autonom geführt wird, gelebt. Keiner werde Gezwungen in die Moschee zu gehen und keiner werde schräg angeschaut, wenn er auch tatsächlich nicht hingehe. Christen arbeiten, essen und leben gemeinsam mit Hindus und Moslem. Sie grüssen sich mit „Salam“ oder „Mambo!“ und alle nehmen es mit viel „pole, pole“ – Gelassenheit.

In unserem Reiseführer steht es käme auch hier vermehrt zu Zusammenstösse zwischen Muslimen und Christen. Wir sind erstaunt, als wir nach einer Woche auf der Insel diesen Satz lesen und fragen mehrere Leute was es damit auf sich hat. „Hier? Nein. Also, nein. Wir lassen einander in Ruhe.“, ist die Antwort, die wir von allen erhalten.

 

Natürlich ist auch hier nicht alles wunderbar. Die Strände ohne Hotels sind voller Abfall, Anfang des Jahres hatte Cholera für mehrere Monate die Insel und den Tourismus stillgelegt und bei den letzten Wahlen gab es Unstimmigkeiten. Die Regierung sei korrupt und es werde nur so getan, als ob es eine Demokratie gäbe, hören wir. Die Löhne sind tiefe, die Preise im Vergleich dazu hoch. Ein Lehrer verdient im Monat rund 75 Franken. Für vier Eier bezahlen wir auf dem Markt aber 70 Rappen. Und eine Mahlzeit im Lokal, wo auch die Einheimischen Essen bezahlt man um die 4 bis 5 Franken. Kein Wunder erleben wir immer wieder, dass wir als Ausländer angebettelt werden. Sogar ein 95-jähriger Opa, den wir auf einem Fischmarkt treffen und mit dem wir uns eine Weile unterhalten, hat keine Scham uns am Ende des Gesprächs um 1'000 Shilling (50 Rappen) zu bitten.

Aber wenn es um Glaubensfragen geht, dann vermischen sich hier christliche Weihnachtsklänge wirklich mit dem Gesang des Muezzins.

 

Fröhliche Weihnacht Euch allen!

 

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Von Vorurteilen

Mr. Pao von der Strasse

Die Gassen führen wie in einem Labyrinth durch die Häuserzeilen. Wer Stone Town auf Sansibar zum ersten Mal besucht, der denkt, dass er nie mehr aus dem Häuserwirrwar hinausfindet. Zu Beginn scheinen alle die grauen und weissen Mauern gleich auszusehen. Nur mit der Zeit lernt man sich an den Details zu orientieren. Ein Plakat aus weissem Papier, direkt an die Wand gekleistert, die besonders schöne Holztüre eines Hauses, der Verkäufer mit seinem Handkarren voller Äpfel, der immer an der gleichen Ecke steht oder die Moschee hinter der nächsten Biegung. Sich in Stone Town zu verlieren ist allerdings nicht weiter schlimm. Die Gegend gilt als sicher und jede oder jeder, den man nach dem Weg fragt ist freundlich genug weiter zu helfen. Zudem macht es riesen Spass sich in den Strässchen treiben zu lassen. Wir treffen auf Männer gekleidet in die Kanzu, die langen weissen Gewänder der Muslime, auf Frauen in farbigen afrikanischen Gewändern, Kinder auf Fahrräder, jungen Männern mit ihren Mofas und hunderte von Katzen. Überall hat es Läden, die ihre Waren auf den kleinen Hausvorsprüngen, die oft als eine Art Bänkchen dienen, ausgebreite haben. Von Tierfellen, über Computer bis hin zu Nüssen, Stoff oder Plastikschüsseln— hier ist alles zu finden. Und umso näher man dem Hafen und den Forodhani Gärten kommt, umso mehr Souvenirshops säumen die Gassen.

 

Unangenehmer Händedruck – guter Eindruck

Es war nach fast einer Woche in Stone Town, als wir uns beim Eindunkeln auf dem Weg zu den Forodhani Gärten machen, um uns dort einmal mehr an den unzähligen Essensständen den Bauch voll zu schlagen. Als wir in die Gasse einbiegen, die direkt zum Park am Ufer führt, winkt uns jemand entgegen. Wir erkennen das Gesicht des Mannes, den wir ein paar Tage zuvor zum ersten Mal getroffen haben. Ein stadtbekannter Alkoholiker. Jetzt kommt Pau direkt und mit einem müden Lachen im Gesicht auf uns zu, streckte uns seine Hand entgegen. „Hello my friend!“, wir schüttelten seine Hand und ich bereue es, als ich seine nasse Hand in der meinen spüre. Ich hoffte es ist bloss Alkohol, der soll ja bekanntlich desinfizieren.

In makellosem Englisch spricht der nach Schweiss riechende Alki höflich mit uns und schlägt so das erste Vorurteil in die Flucht. Dann fragt er was wir vorhaben.

„Wir wollen runter zum Markt, um da was zu essen“, antwortet Dylan und der Mann schüttelte sofort den Kopf. „Dort ist das Essen nicht frisch, die Sachen sind aufgetaut, nicht frisch! Da werdet ihr Bauchschmerzen bekommen.“ Er verzieht sein Gesicht und reibt sich den Bauch, als ob er Schmerzen hätte.

„Ich kenne ein besseres Restaurant, da drüben, kommt mit“, sagt er und will schon losmarschieren. Da wir aber bereits ein paar Abende zuvor an einem der unzähligen Essenständen gegessen haben, intervenieren wir.

„Nein, nein, wir wollen nicht viel Geld ausgeben. Wir wollen zum Markt, da ist es gut und günstig.“

„Günstig? Dann gehen wir besser zu Lukmaan. Da gibt es günstiges Essen.“

Lukmaan ist bereits nach den ersten paar Tagen zu unserer Stammkneipe geworden. Hier bekommt man für wenig Geld gutes lokales Essen und es hat den Vorteil, dass man am Buffet einfach mit dem Finger auf das zeigt, was man essen möchte. Ein toller Ort, aber heute Abend wollen wir was Anderes und halten, trotz den Wahrungen des alten Mannes, an unserem Plan fest. Als er merkte, dass wir unbedingt zum Markt wollten, lenkte er ein.

„Ok, dann zeige ich Euch die Stände, die frisches Essen kochen. Es gibt drei Stände, die sind gut. Alle anderen sind nicht gut. Let’s go!“

Fotobombed: Als wir Pao zum ersten Mal traffen, stand er plötzlich einfach im Bild.
Fotobombed: Als wir Pao zum ersten Mal traffen, stand er plötzlich einfach im Bild.

Vertrauen aufs Bauchgefühl

Und schon marschiert er voraus, der betrunkene Mann, in schäbigen Kleider und alten Plastiksandalen, mit einem leicht wankenden Gang. Es sind diese Begegnungen von denen man als Reisender immer wieder gewarnt wird. Aber bevor wir überhaupt Zeit zum Nachdenken haben, laufen wir hinter dem bis anhin freundlichen Mann her. Unser Instinkt sagt uns, dass alles gut ist. Sobald wir zur Hauptstrasse kommen, hebt Pao warnend seine Hand. „Be careful. Be careful!“ ruft er und lotst uns sicher über die Strasse. Dann marschiert er zielstrebig über den Markt, schaut weder links noch rechts.

Ihm (und uns) folgen von überall her lachende Blicke, ausrufe aus Swahili, die wir nicht verstehen, dann laufen Kinder hinter ihm her, kneifen ihn in die Seite und rennen lachend davon. Während es uns irritiert wie er behandelt wird, bewegt er sich weiter zielstrebig durch die rollenden Augen und hämischen Grimassen hindurch und hält erst, als er vor einem der Stände steht, welcher laut seinen Angaben sicher für unsere Mägen ist.

Ich dachte gerade noch, dass er jetzt sehr wahrscheinlich vom Standbesitzer einen Batzen Geld erhalten wird, aber die Köche, die mit ihren ordentlich weissen Mützen dahinter stehen, behandelten ihn abschätzig und eher bedrohlich, während er nett bleibt und für uns noch einmal wiederholt, dass das Essen hier gut sei für uns „Mzungu“, Ausländer. Vourteil zwei zieht den Schwanz ein und duckt sich zwischen die Katzen, die unter dem Tisch sitzen und auf einen Happen Fisch hoffen, um sich dann beschämt davonzuschleichen.

Der Essensstand ist mit kleinen Kerosinlampen beleuchtet und wir wählen zwischen Tintenfische, Krebsen und Garnelen ein paar Hähnchenspiesse aus, lassen sie auf dem Grill heiss machen, dazu packen sie uns jedem eine Portion Pommes ein. Auch für Pao, den wir dazu überreden müssen auch etwas für sich auszuwählen.

Vorurteil widerlegt

Unser Freund weicht auch nicht von unserer Seite, als wir uns zum Essen an einen der Tische setzen. Er warte auf uns und werde uns dann nach Hause begleiten, kein Problem. Wir versicherten ihm, dass es nicht nötig sei. Er aber bleibt hartnäckig.

Dylan bestellt ein Dosengetränkt und der Kellner verlangt dafür 1'500 Shilling (rund 75 Rappen). Sofort beginnt Pao in seiner Landessprache auf den Kellner einzureden; lautstark und genervt. Dann übersetzt er, dass normalerweise ein Dosengetränk nur 1'000 Shilling kostet. „Eine Frechheit! Die bescheissen Euch, dies gefällt mir gar nicht.“ Es dauerte ein paar Sekunden und schon mischt sich ein gut gekleideter, runder Herr vom Nebentisch ein.

„Wir wollen Ordnung haben hier! Hier wird nicht so herumgeschrien“, sagt er und Pao duckte sich, sobald er die bestimmenden Worte vernimmt. Seine Körperhaltung drückte aus, dass er unmissverständlich der Unterlegene ist.

„Er ist ein Unruhestifter. Belästigt er Euch?“

„Nein, er ist mit uns da", antworteten wir und fragen uns, wie gut es um die Ordnung bestellt ist, wenn wir von den reichen Restaurantbesitzer um den Preis beschissen werden, während sich ein Bettler für Gerechtigkeit einsetzt?

Pao wird während dessen immer wieder von Kindern begrabscht, die ihn als einzige Witzfigur sehen und auch andere Einheimische werfen offensichtlich abschätzige Kommentare und Witze nach ihm. Wir fragen warum sie dies tun und er antwortet sanft: „Kein Problem, sie sind meine Freunde. Wirklich!“

Wie er uns da gegenüber im Plastikstuhl sitzt, fallen seine Augen immer wieder zu.

„Du kannst nach Hause gehen und schlafen, wir finden den Weg zurück“, offerieren wir ihm mehrmals, doch er bleibt stur. Er werde uns sicher nach Hause bringen. Was er zum Schluss auch tut. Dies erst nachdem er uns erzählt hat, dass er früher als Touristenführer gearbeitet hat, nebst Englisch auch Deutsch, Spanisch und Italienisch spricht und jetzt im Alter von 50 Jahren leider zu viel Alkohol trinkt. Er zuckt mit den Achseln. „Ich habe eine Frau und fünf Kinder, wir können nachher bei meinem Sohn vorbeigehen. Er hat ein Taxi. Braucht ihr ein Taxi?“
Wir sind froh zu hören, dass er eine Familie hat, wie häufig er aber tatsächlich noch zu Hause vorbeischaut, bleibt sein Geheimnis. Dafür hat er uns einmal mehr daran erinnert, dass wir andere Menschen nicht nach ihrem Äusseren beurteilen sollten und dass Vorurteile einzig dazu existieren, widerlegt zu werden. Danke Mister Pao!

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Mc Gyver at work

Heiss Wasser!

 Im Bus zu leben, bedeutet auf einiges zu verzichten. Nicht aber auf eine Heisswasserdusche und das Glück in der Novembersonne zu frühstücken.

 „Zkzkzkzkzk,“ das Geräusch eines Tasers sprang uns entgegen als wir die Türe öffneten. Ich sah Handgranaten, neben Pistolen und Messern. Die Frau hinter der Ladentheke lächelte mich entspannt an, während sie per Knopfdruck ausprobierte, ob die Geräte auch wirklich funktionieren. Es zischte erneut und ich wandte mich irritiert wieder dem Herrn zu, der uns ins Innere des Geschäftes geführt hatte und der nun unter dem Regal etwas hervor kramte. Wir waren in Südfrankreich und hatten spontan gehalten, als wir die Aluminiumkisten und Gefässe vor dem Laden erblickten. Für unsere Warmwasserdusche waren wir immer noch auf der Suche nach einem passenden Kanister. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, da der Wassertank, versehen mit zwei Heizröhren, in die Seitenbox von Foxy, unserem VW Bus, eingebaut werden sollte und somit maximal 20 cm breit sein sollte. Dylan will, dass sich das Wasser künftig während des Fahrens durch das Kühlwasser vom Motor aufheizt. Bis anhin hatten wir das Wasser zuerst auf unserem Gaskocher heiss machen und dann in einen Kanister einfüllen müssen, um zu duschen.

Häufig gefragt

„Ihr seht ja gar nicht aus, als würdet ihr im Bus wohnen,“ begrüsste uns eine Freundin vor ein paar Monaten, als wir vor ihrer Haustüre standen. „So sauber und frisch angezogen,“ beantworte sie unser Stirnrunzeln. Hygiene ist für uns auch im Bus selbstverständlich, für viele scheint es aber ein grosses Fragezeichen. Wie duscht ihr? Wo geht ihr aufs Klo?

Wenn wir unterwegs sind, dann gehen wir da aufs WC, wo alle anderen Reisenden auch: in Autobahnraststätten, Cafés, Restaurants. Sind wir irgendwo stationär, so wie jetzt gerade im ländlichen Spanien, wo die Temperaturen immer noch bei angenehmen 23 Grad liegen, dann geht es mit Schaufel bewaffnet so weit wie möglich in den Wald. Wichtigstes Gebot für uns ist es keine Spuren zu hinterlassen. Weder Abfall noch sonst was liegen zu lassen. Und Duschen tun wir in der Regel direkt hinter Foxy. Jeden Abend, immer warm und mit biologisch abbaubarem Duschmittel. Ist das Wetter zu kalt, leisten wir uns einen Eintritt in einen Sportkomplex, um dort zu duschen.

Mc Gyver in Aktion

Der Militärshop in Frankreich hatte tatsächlich einen 15 Liter Kanister, der in Foxys Seitenbox passt. Auf dem Weg weiter in den Süden hielten wir immer wieder nach Werkstätten Ausschau, die den Tank so modifizieren konnten, wie Dylan sich dies ausgedacht hatte. Wir stoppten in unzähligen „ferreterías“ – Eisenwarenhandlungen – und kauften weitere Teile dazu. Wir fanden überall helfende Menschen, die, wenn sie nicht hatten was wir suchten, einen Plan zeichneten, damit wir im nächsten Dorf weiter kamen mit unserem Heisswasser-Projekt. Schliesslich fanden wir sogar eine Schlosserei die Alu verarbeitet und innerhalb eines halben Tages zwei Röhren in den Tank einschweisste, damit diese fortan als Heizröhren dienen.
Foxy war, als wir in kauften, ein ganz normaler Passagier-Bus. Mittlerweile hat Dylan, ich nenne ihn bereits Mc Gyver, aus Foxy ein kleines Universum gebaut. Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen. Unter dem Bett sind 600 Liter Stauraum für Kleider, Küche und Arbeitsequipment, wir haben einen Kühlschrank, einen Backofen und mehr als 50 Liter Wasser. Seit neustem eben auch Heisswasser. Gestern hat Dylan die Röhren, die nun links und rechts aus dem Tank schauen, mit dem Kühlwassersystem von Foxy verbunden und den Tank eingebaut. Dann haben wir eine Testfahrt gemacht. 16 Kilometer reichen aus, damit das Wasser so heiss wird, um angenehm duschen zu können. Dazu spannen wir hinter Foxy unser (natürlich ebenfalls selbstgebautes) Zelt um die Heckklappe, stecken die kleine Pumpe, die mit der Kraft der Autobatterie Wasser durch den Duschkopf pumpt, in den Heisswassertank und voilà, schon ist der Zauber vollbracht. Heisses Wasser! Wir freuen uns darüber wie kleine Kinder über Geburtstagsgeschenke. Oder wie Dylan es heute Morgen beim Frühstück ausdrückte: „Wir haben vieles aufgegeben, aber es misst sich nicht mit dem Glück hier in der Sonne zu sitzen und dem Vogelgezwitscher zu lauschen.“

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Ein halbes Jahr wohnungslos

Homeless

Eben blitzte der Stephansdom zwischen den Dächern auf. Jetzt sitzt rechts von uns dick und stolz die Wieneroper. Durch die Fenster glitzern ein paar Kronleuchter heraus, dann wechselt die Ampel auf Grün und wir fahren weiter. Wir waren mit Freunden in Wien verabredet, nun geht es zurück nach Bad Vöslau, wo wir heute Abend zum zweiten Mal in Folge „Am Ende der Strasse“, die Multimediashow von Dylan zeigen. Morgen erwartet uns Salzburg, einen Tag später geht es zu einer Besprechung mit einer Filmcrew, mit der wir an einem Dokumentarfilmprojekt arbeiten. In der neuen Woche kehren wir für einen Auftritt ins Seeland zurück, bevor wir nach Norddeutschland weiterziehen. Genau so lieben wir es.

Um nach Wien zu gelangen haben wir uns drei Tage Zeit genommen. Dank unserem Bushaus ist dies ohne Planung möglich. An der Schweizer Grenze haben wir beim GPS-Gerät die Option „Autobahnen vermeiden“ ausgewählt und wurden dann mitten durch die Bergwelt Vorarlbergs und dem Tirol geleitet. Beim Geniessen der Herbstsonne haben wir mit dem Schreiben an unserem zweiten Buch begonnen. Nichts ins inspirierender als unterwegs zu sein, wenn man vom Reisen schreibt.

Eine erste positive Bilanz

Mittlerweile leben wir ein halbes Jahr ohne festes Zuhause. Seit wir am 1. April den Schlüssel zu unserer Wohnung in Biel abgaben, haben wir so viel erlebt wie zuvor noch selten in sechs Monaten. Zuerst verbrachten wir vier Wochen in den USA. Von New York führte ein fast spontaner Roadtrip mit Mietauto und Zelt einmal quer durch Amerika. Einzige fixe Stationen waren vier Auftritte und der Abflug ab San Franciso. Danach kamen wir zurück in die Schweiz, wo wir mit Familie und Freunden am Bielersee unsere Hochzeit feierten und dabei realisierten, dass Heimat zum Glück immer Heimat bleibt. Eine Woche später düsten wir nicht in die Flitterwochen, – wir leben so, dass wir mehr oder weniger auf Dauerflitterwochen sind – sondern nach Süddeutschland, wo wir auf einem Travelfestival engagiert waren, dann standen England und Irland auf dem Programm, später Schweden und Norwegen. Foxys Kilometerstand ist bei 405’836 angelangt. Dabei haben wir derzeit definitiv eine bessere Work-Life Balance als je zuvor. Das ständige Unterwegs sein ist kein Stress, da wir unser Haus immer dabeihaben. Wir verbrachten so viel Zeit draussen in der Natur wie nie zuvor. Die Welt ist unser Wohnzimmer und so engt uns das Leben im Bus überhaupt nicht ein. Auch dass wir praktisch 24 Stunden gemeinsam verbringen stresst uns nicht. Unsere Beziehung ist besser denn je und wir geniessen es jeden Tag mit dem Menschen zu verbringen, der einfach passt. Dabei hilft sicherlich auch, dass Diskussionen über Haushaltsarbeiten gänzlich wegfallen, denn im Bus muss vor jeder Abfahrt Ordnung gemacht werden, sonst fliegen uns unsere Habseligkeiten um die Ohren. Kochen und Abwaschen tun wir gemeinsame und nach dem Essen umgehende Abzuwaschen ist keine Frage. Auf so engem Raum ist für dreckiges Geschirr schlicht keinen Platz.

Ein Bett überall

Wenn wir in der Schweiz sind, dann ist unsere Zeit meist absehbar, also machen wir viel bewusster mit Freunden Termin aus. Und wir treffen auch Freunde, wie jene hier in Österreich, nun häufiger. Und obwohl wir keine Wohnung mehr haben, haben wir plötzlich viel mehr Wohnraum zur Verfügung. So haben wir in Aarberg und Mühledorf, in Biel, Bern, Basel und Schaffhausen, mehrfach in Zürich, in Chur und auch in Stuttgart, Wien oder Düsseldorf ein Zimmer. Ja sogar in Amerika, Dubai, Südafrika, der Mongolei oder in Indien. Jetzt, wo wir keinen festgefahrenen Alltag mehr haben, kommen die Einladungen von überall her. Was wunderschön zu sehen und spüren ist. Das Nomadentum bleibt für uns vorerst die beste Entscheidung.

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Einmal Oxford retour

Foxy muss in Kur

 

Es ist zwei Uhr morgens und als ich mit einem heissen Kaffee aus der Autobahnraststätte hinaustrete und Foxy, unseren Bus, starten will, geht nichts mehr. Mist, in zwei Stunden sollten wir die Fähre erreichen, die uns von England zurück aufs europäische Festland bringt. Noch liegen anderthalb Stunden Fahrt vor uns. Was nun? Ich wecke Dylan, der nach einigen Minuten, als ehemaliger Automechaniker, das Übel entdeckt hat: Der Anlasser ist kaputt. Um den ADAC anzurufen reicht es nicht, sonst ist unsere Fähre weg. Das Auto alleine anschieben geht ebenfalls nicht. Hinten ist alles vollgepackt. Das Motorrad, mit welchem Dylan um die Welt und (umgewandelt zu einem Floss) über den Pazifik gefahren ist, hat unser Schlaf- und Wohnzimmer in Beschlag genommen, somit ist die Nutzlast von Foxy voll ausgelastet. Drei Tonnen. Wir brauchen also ein paar kräftige Menschen. Morgens um 2 Uhr an einer schlummernden Autobahnraststätte. Super Zeitpunkt. Zudem: die Fähre! Die Zeit wird langsam knapp. Wir bleiben trotz der Müdigkeit positiv. Irgendwie werden wir es schaffen. Schlimmstenfalls ist die Fähre weg. Aber es gibt auch eine Nächste.

Positiv Denken

In Stresssituationen positiv zu bleiben und daran zu glauben, dass alles gut kommt, ist eine Fähigkeit, die ich von meinem Mann über die Jahre gelernt habe. Eine Fähigkeit, die einem vielleicht auch das Reisen lernt, denn sich zu ärgern, schadet nur uns selbst, hilft aber nicht weiter. Und tatsächlich: keine fünf Minuten später fährt ein Auto mit fünf kräftigen jungen Männern auf den Parkplatz, einen kurzen Wortwechsel später schieben sie uns an. Die Kupplung springt hoch, der Motor stottert, Foxy schüttelt sich als hätte er Schmerzen und springt dann an. Geschafft! Jetzt bloss nicht den Motor ausschalten, bis wir die Fähre erreicht haben!

Wir hatten das Wochenende in Oxford verbracht, um dort an einem Reiseevent unser Buch, welches auch auf Englisch erschienen ist, vorzustellen und Dylans Multimediavortrag zu zeigen. Da es ein Motorrad bezogener Event war, hatten wir auch das Motorrad mitnehmen müssen. Nun hatten wir also auf dem Rückweg eine Hürde mehr: Wir hatten nicht nur keinen Platz zum Schlafen, nein wir sollten, wenn möglich, den Motor nicht ausschalten.

Auf der Fähre nutzen wir die Gelegenheit etwas zu schlafen. In Frankreich angekommen werden wir erfolgreich aus dem Bauch des Schiffes gespuckt. Der Motor springt an. Bei den nächsten Stopps wird es etwas komplizierter: Die Müdigkeit übermannt uns, Zeit einen Schlafplatz zu suchen. Zum Glück scheint die Sonne und wir wollen unser Bett für ein paar Stunden unter dem Himmel einzurichten. Wir brauchen also einen ruhigen Ort und einen Parkplatz am Hang, damit wir wieder wegkommen. Dem Satellitenbild von Googlemaps sei Dank fahren wir kurze Zeit später durch ein Wäldchen und finden tatsächlich den für unsere Situation idealen Spot. Beim nächsten Halt muss unser Hunger befriedigt werden, denn auch zum selber kochen, haben wir so vollbepackt keine Möglichkeit. Entscheidend ist nicht auf was wir Lust haben, sondern: Welche Beiz hat einen genug steilen Parkplatz? Wir durchqueren ein paar französische Dörfer und dann auch hier wieder ein Glücksfall. Chinesisches Buffet am Hang. Wir parken so, dass die Hinterräder auf dem Randstein stehen, um bei der Abfahrt zusätzlichen Schwung zu erhalten. Humor, Kreativität und positives Denken sind unsere Begleiter – seit wir im Bus leben noch viel mehr.

Als wir wieder im Seeland ankommen und das Motorrad uns Platz macht zum Wohnen, realisieren wir, dass es Zeit wird Foxy in den Kururlaub zu schicken. Die vielen Kilometer, die wir ihm im letzten Jahr zugemutet haben, haben nicht nur beim Anlasser Spuren hinterlassen. Aber es ist ein komisches Gefühl unser zu Hause in der Autogarage zurück zu lassen. Sozusagen alles was wir besitzen in fremde Hände zu geben. Aber zum Glück gibt es noch das Zuhause bei der Familie und genügend Arbeit sowieso. Die dritte Auflage unseres Buches wird geliefert und schon bald gibt es wieder Vorträge und auch da einiges an Vorbereitungen. Die Langweilig bleibt uns fremd, auch wenn wir für einmal nicht so mobil sind.

Wenn Schlafen so nicht mehr geht, dann muss es halt Openair sein. Zum Glück war damals noch Sommer.

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