Von Pausen, Deadlines & Hunden

 

Der Bus rollte Ende Jahr nicht mehr so viel, denn die Nomaden machten Pause, aber nur vom Herumziehen.

Nicht aber vom  Arbeiten und auch nicht von den Erinnerungen. Diesmal aus Georgien. 

 

Text:Martina Zürcher _ Bild: Dylan Wickrama 

Die Gergeti Dreifaltigkeitskirche in Georgien: Göttliches Himmelsspektakel kurz vor Sonnenuntergang.
Die Gergeti Dreifaltigkeitskirche in Georgien: Göttliches Himmelsspektakel kurz vor Sonnenuntergang.

 

 

„Sie sind immer noch da!“

Dylan hatte den Vorhang ein klein wenig zur Seite geschoben und herausgelugt.

Dann schauten wir einander an und grinsten. „Was haben wir noch für sie?“ 

Ich öffnete den Küchenschrank noch vom Bett aus und zog eine Büchse heraus: „Ein Kilo Reis?“

Ich schaute ebenfalls raus und sah drei der fünf Hunde aufgerollt hinter Foxy dem Bus schlafen. Ein weisses, ein schwarzes und ein braunes Fellknäuel. Mein Herz machte einen Sprung. Immer wieder begegnen wir verschiedensten Tieren, aber bei Hunden da werden wir regelmässig schwach. 

 

Eine Kuh auf dem Sofa

Zwei Tage zuvor standen wir mit Foxy vor der Gergeti Dreifaltigkeitskirche, der kleinen Steinkirche, die seit dem 14. Jahrhundert am Fusse des Kazbegi ruht und dank ihrer Geschichte und der schönen Schlichtheit zum touristischen Symbol Georgiens wurde. Wir genossen die letzten Sonnenstrahlen, bevor sie hinter den Bergen verschwanden und es schnell kühl wurde. Mit ihnen gingen auch die letzten Besucher und wir entschieden die Sicht auf die Kirche samt Sternenhimmel für die Nacht und den nächsten Morgen zu unserer Wohnzimmer-Aussicht zu machen. Nur wir alleine und die alte Kirche. Dachten wir zumindest, bist auf dem Parkplatz plötzlich die Nachhut auftauchte. Kaum waren die Touristen weg, kamen die Kühe und durchwühlten Abfalleimer und Liegengebliebenes nach Essbarem. Die eine der Truppe schreckte auch nicht davor zurück, dass für einmal noch Menschen da waren und streckte schliesslich ihren Kopf mehr oder weniger in unsere Küche. Den Klaps auf die Nase, um zu verhindern, dass wir im nächsten Moment eine Kuh auf dem Sofa hatten, konterte sie frech mit den Hörner, bis wir

die Türe und somit die Küche schlossen. 

 

Frühstück für die Hunde 

Aber in Georgien begegneten wir vor allem Hunden. So viele Strassenhunde hatten wir noch nirgends sonst gesehen. So kauften wir bei jedem Halt noch ein Chatschapuri, eines der leckeren Käsebrote, mehr als nötig, um es mit den Tieren am Strassenrand zu teilen. Und an jenem Morgen, als all die Hunde hinter Foxy schliefen, hiess es  eben noch vor unserem Frühstück die grösste Pfanne heraussuchen, um Reis für die Hunde zu kochen. Als wir am Abend zuvor entlang einer verlassenen Umfahrungsstrasse für die Nacht angehalten hatten, kamen aus dem Dunkeln vier bellende aber freudig wedelnde Gestalten. Wir verteilten die Hühnchen-Reste vom Mittagessen und wurden dafür den Rest der Nacht wachgehalten, respektive beschützt. Immer wieder bellte einer wie wild in die Dunkelheit, fast so als wollten sie uns sagen: „Wir haben Euch jetzt adoptiert und passen auf Euch auf.“ Es erstaunte uns also nicht, dass die freundlichen Fellknäuel auch am Morgen noch eingerollt neben dem Bus lagen und sofort freudig auf-juckten, als wir die Türe öffneten. 

 

 

Als das letzte Reiskorn aufgeleckt war, setzten sie sich zufrieden hinter Foxy ins Gras und beobachteten uns. Wir waren an dem Ort ziemlich abgelegen und die fünf Hunde schienen nirgendwo hinzugehören, ausser wohl zu ihrem kleinen Rudel. Am liebsten hätten wir beide Hundenarren alle fünf in Foxy gepackt, um ihnen ein neues Zuhause zu geben. Aber dann wäre der Platz im Bus ungefähr genauso eng, wie wenn wir die Kuh auf dem Sofa gehabt hätten. 

„Immerhin sind sie nicht alleine,“ sagte Dylan als wir später einstiegen, um weiter zu fahren. Wiederum bellend lief uns das Rudel nach und es tat schon etwas weh im Seitenspiegel zu sehen, wie sie drei-, vierhundert Meter entlang der Strasse hinter uns herliefen und dann enttäuscht stehen blieben. 

 

Stationäre Nomaden

Wenn ich jetzt runter in die Küche gehe, um mir einen Kaffee zu machen, dann riecht es nach Hundefutter und die zwei Hunde meiner Eltern warten ebenso freudig auf ihren Fressnapf, wie die georgischen Strassenhunde auf den Reis. Mit dem Unterschied, dass die Tiere hier wissen, dass sie ihr Futter jeden Tag erhalten. Und seit zwei Monaten etwas mehr Leckerli als sonst. Vielleicht werden wir daher immer so ausgelassen begrüsst, wenn wir uns für kurze Zeit hinter unseren Laptops hervor zwingen. 

Denn die letzten zwei Monate des Jahres verbrachten wir für Nomaden ziemlich sesshaft. Nicht, weil uns das Leben im Bus verleidet ist oder es zu kalt ist, sondern weil wir arbeitstechnisch gerade etwas Stabilität brauchen. Also nicht eigentlich wir, sondern unsere Festplatten, auf denen das gesamte Rohmaterial für unseren Dokumentarfilm gespeichert ist. Den gilt es bis Ende diese Woche in einer Rohfassung zu einem schönen Ganzen zu formen, ohne den Daten zu viele Erschütterungen zuzumuten. Und so schliefen wir zwar in Foxy vor dem Haus, aber sassen von morgen früh bis abends spät an einem Ort und starren in unsere Laptops. Weil auch Nomaden Deadlines haben. Und das ist gut so, denn es war durchaus befriedigend zu sehen, wie aus den einzelnen Filmschnipsel langsam ein Ganzes wurde. Zudem haben wir einen grossen Teil des letzten Jahres damit verbracht Abenteuer, Erlebnisse und Begegnungen zu sammeln, von denen unser Herz zerren konnte. Trotzdem spüren wir das Reisegen im kleinen Zehen jucken und freuen uns darauf noch im Januar der Nomadenpause ein Ende zu bereiten. Auch das ist gut so, weil wir spüren klar: Vanlife und wir, das geht auch 2019.  Definitiv! 




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Dylan Wickrama & Martina Zürcher

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