Schaf zum Frühstück

West Mongolei, Juni 2018


Unter uns auf der Ebene zieht langsam eine Herde Yaks vorbei. Die Sonne wärmt ihre schwarzen Felle, der Wind zerzaust sie. Soweit wir blicken können, breiten sich um uns herum karge Hügel aus. Obwohl der Himmel blau erstrahlt, ist es auf 2300 Meter über Meer noch empfindlich kühl an diesem ersten Morgen in der Mongolei.

Wir sind ein paar Kilometer nach der Grenze, ganz im Westen, wo das Altaigebirge sich zwischen China, Russland, Kasachstan und die Mongolei zwängt. Gestern Abend waren wir als letztes Fahrzeug über die Grenze gelassen worden, nachdem uns die Soldatin zuerst mit den Worten ‘Morgen um neun Uhr sind wir wieder da‘, das Tor vor der Nase zu gemacht hatte. Gerade waren wir noch in einer Schlange von fünf Fahrzeugen gestanden, alle andere hatte sie durchgewinkt, dann entschieden uns im Niemandsland zwischen den beiden Grenzen für die Nacht stehen zu lassen. „Das ist die Mongolei, da gibt es immer eine Lösung,“ sagte ich zu Dylan und so war es dann auch diesmal. Die grossgewachsene Frau hatte wenig später Erbarmen mit uns, öffnete das eiserne Gatter nochmals und schickte uns zur Passkontrolle. Das Ganze wirkte chaotischer als es effektiv war. Und ausser uns schenkte der Schlägerei von, wie wir später realisieren, zwei betrunkenen Angestellten der Zollbehörden, niemand Beachtung.

 

Angekommen in Asien

Als wir bereits in der Schlange vor der Passkontrolle standen, kam ein kleingewachsener Mann in schwarzer Uniform daher und wollte unsere Pässe sehen. Er kontrollierte mein Visum und sagte: „Your visa is no good. Already over.“ Unsere Visa seien bereits abgelaufen. 

Es ist der 4. Juni 2018. Auf unseren Visa steht: Einreise vor dem 3. Juli. 2018

Wir schüttelten energisch die Köpfe und versuchten dem Mann klar zu machen, dass „June“ und „July“ nicht das gleiche ist. Schliesslich kam eine Soldatin, oder zumindest war sie so gekleidet, nahm dem Mann die Pässe weg und bestätigte was wir sagten. „Das Visum ist völlig in Ordnung.“ 

Der ältere Mann mit den kleinen Augen lachte auf, nahm die Pässe wieder an sich und ehe wir etwas sagen konnten, verschwand er damit in einem langen Flur. Wir warteten 5, 10 Minuten. Dann wurden wir langsam etwas unruhig. Der Mongole, welcher vor uns in der Schlange gestanden und gesehen hatte, wer mit unseren Pässen davon marschiert war, kam mit mir den Flur entlang. Dann gingen wir einen Stock höher und öffneten links und rechts  jede Türe. Irgendwann wohl auch die des Chefs. Der guckte irritiert zu uns und wir genauso irritiert zurück.

„Wir suchen den Mann mit der schwarzen Uniform.“

„Der ist ein Büro weiter,“ sagte er und zeigte mit dem Kinn die Richtung an. 

Und tatsächlich, da sass er hinter seinem Schreibtisch und kopierte in einer Seelenruhe unsere Pässe. Einen gab er mir bereits zurück und ich sah, dass er mit einem Kugelschreiber und einem Stempel das späteste Einreisedatum geändert hatte. Nun stand da: Einreise vor dem 2. Juli. 2018. Ich wollte lauthals über den Unsinn protestieren, hielt mich dann aber zurück und wartete geduldig auf den zweiten Pass. So einen Blödsinn habe ich selten gesehen, erzählte ich Dylan verärgert, der mittlerweile auch in der offenen Bürotür erschienen war. Erst im dem Moment realisierte ich: Jetzt sind wir wirklich in Asien angekommen. Der Mann konnte sein Gesicht nicht verlieren und musste nach seinem offensichtlichen Fehler, irgendetwas an unseren Visa herumdoktern, damit er doch irgendwie die Oberhand behält. Was in unseren Augen keinen Sinn macht, macht es in seinen sehr wahrscheinlich schon. 

Danach ging es zum Glück zügig. Alle wollten nach Hause und so wurden unsere Pässe schliesslich schnell gestempelt und die Einreisepapiere für Foxy den Bus ohne Tamtam ausgefüllt. Und auch ohne dass ein Blick auf, geschweige denn in den Bus geworfen wurde. 

 

Einladung zum Frühstück

Und so sind wir dann im schönsten Abendlicht, vorbei an den ersten Jurten über die Kieselstrasse geholpert. Ein paar Kurven weiter, hatten wir von der Hauptstrasse weg, im Windschutz einer zerfallenen Hütte einen Standplatz für die Nacht gefunden und herrlich geschlafen.

Jetzt fahren wir frisch erholt los, den Hügel runter dann links. Wir folgend der Staubwolke eines Motorrades, welches kurz vor uns vorbeigefahren ist. Dann sehen wir links eine der rechteckigen niedrigen Lehmhäuser, der kasachischen Mongolen und halten spontan an, als ein Mann im Türrahmen erscheint. Der Alte winkt uns sofort zu sich ins Haus und bietet uns ein paar Kekse an, während seine erwachsene Tochter auf dem Holzofen Teewasser zum Kochen bringt. Bevor wir wissen was uns geschieht, steht ein grosser Teller voller Schafsknochen und Borzog, eine Art Mehlgebäck, vor uns und wir werden dazu aufgefordert zuzulangen. „Die Leute sind ja so unglaublich gastfreundlicher hier!,“ entfährt es Dylan strahlend, obwohl er gerade tapfer ein Stück eher streng riechendes Schafes aus der Schüssel klaubt. 

Nach fast vier Wochen Russland, wo die Menschen reserviert waren und wir uns sehr um ein Gespräch hatten bemühen müssen, sind die Menschen in der Mongolei auffällig offen, fröhlich und sehr viel gastfreundlicher. 

 

Offen, fröhlich und herzlich 

Auch als wir 60km weiter Ülgy, die erste Stadt, erreichen, geht es für uns nur positiv weiter: Zwei Polizisten eskortieren uns kurzerhand samt Polizeiauto zum Geldwechselbüro und der Mann hinter der Theke hat eine solche Freude uns zu sehen, dass er Dylan spontan einen dicken Bündel Geld in die Hand drückt, um mit ihm ein Selfie zu machen, dann seine Telefonnummer und seinen Facebook-Kontakt auf einen Zettel notiert. Als wir etwas später Foxy vor einem Kaffee parkieren, drückt die Strassenverkäuferin, die eben noch ruhig hinter ihrem Stand sass, sofort ihre Nasen an unserem Rückfenster platt, um in unser Haus zu spähen. Ihre Nase hinterlässt einen sauberen Fleck an der staubigen Scheibe und sie eine fröhliche Erinnerung an eine lebedinge Stadt inmitten einer wüstenähnlichen Landschaft.

Ich liebe die Mongolei bereits seit 15 Jahren, jetzt weiss ich wieder in aller Deutlichkeit weshalb. Und Dylan? Ich glaub er ist bereits vom ersten Tag an von diesem unbeschreiblichen Mongolei-Gefühl eingenommen, welches versteht wer schon mal hier war.

 




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Dylan Wickrama & Martina Zürcher

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