FreunDschaft Statt Gebühren

Russischer Altai, Juni 2018

Im Altai erwartete uns eine atemberaubende Landschaft und ein Mann mit einer Grundstücksurkunde. Oder die Lektion, dass wir auch Mühsames in Positives wandeln können.

 

Oh, nein. Jetzt ist dieser mühsame Typ wieder da. Ich verdrehe vor mir selbst die Augen, als ich von draussen die Stimme des Mannes von vorhin höre. Dylan spricht irgendwas mit ihm und er irgendwas mit Dylan. Beide in ihrer eigenen Sprache. Es wäre hier so schön, warum nur muss dieser Mann nun wieder auftauchen?

Vor uns türmen sich weiss die Altaiberge auf. Als hätte Frau Holle mit dem Lineal eine Linie gezogen, hört der Schnee überall exakt am gleichen Ort auf und gibt dem Tannenwald den Platz frei. Unterhalb der Tannen sind es Wiesen und Hügel, durchzogen von einem Fluss, die sich bis zu uns, auf der anderen Talseite hochziehen. Eigentlich wollten wir heute bis an die Grenze zur Mongolei fahren, um morgen früh einzureisen. Aber es ist einfach zu schön hier. Und so bleiben wir in den Altaibergen hängen und öffnen unser Büro mit Blick in diese sagenhafte Landschaft. 

Nach Wochen nur mit einem flachen Horizont, voller Birkenwälder, waren die ersten Ausläufer der Altairegion, die uns als sanfte Hügel begegnet waren, bereits ein Highlight gewesen. Nach und nach wurde die Landschaft dann immer wie schöner. Weite Flussbette und grüne Täler wechselten sich mit koketten Blumenwiesen und spitzigen Felswänden ab. Wir sahen Murmeltiere und Füchse, die noch den Winterpelz trugen. Zierliche Kraniche und böse dreinschauende Falken.

Unerwünschter Besuch

Wir wollten vor ungefähr einer halben Stunde gerade anfangen unser Abendessen zu kochen, als plötzlich ein fröhlich wirkender Mann daherkam. Irgendwo aus dem nirgendwo war er zu Fuss aufgetaucht. Er wollte wissen wie wir hiessen und wo wir herkommen. Dann sagte er wir müssten 300 Rubel bezahlen, wenn wir hier übernachten wollten. Zuerst taten wir so als würden wir nicht verstehen, was er will. Dann irgendwann war seine Zeichensprache so deutlich, dass wir uns unmöglich weiter dumm stellen konnte. Also probierten wir es mit Gegenfragen. 

Bis wo denn sein Grundstück reiche? 

Bis dort drüben, auf die andere Talseite. 

So gross? Wow!

Von ihm folgte ein vielsagender Blick, den wir ihm leider nicht abkauften. Zu ärmlich sind seine Kleider und der mit einer zusammengeknoteten Schlaufe umgehängte alte Lederbeutel. 

Wo denn Wasser, Toilette und Duschen seien, wenn wir 300 Rubel bezahlen sollen, fragen wir weiter. Und warum kein Schild auf den Preis oder das Campingverbot hinweise? 

Der Mann deutet an wir sollen ins Dorf hinunter verschwinden, wenn wir Dusche und WC bräuchten. Wir bleiben stur.

 

Wem gehört das Land? 

Russland ist auch im Altai weit und die Nähe zur Mongolei ist sichtbar. Überall laufen Pferde, Ziegen und Kühe frei herum, Zäune hat es keine und wir gehen davon aus, dass das Land auch hier allen gehört. Für eine Nacht, ein klein wenig auch uns.

Zumal wir in den letzten drei Wochen in Russland, nie ein Problem hatten mit einem Übernachtungsplatz. Niemand hatte uns je irgendwo weggescheucht oder gesagt, dies sei sein Grundstück. Schliesslich wurde der eben noch freundliche Mann etwas ungemütlicher. Er schulterte einen unserer Stühle und meinte, dann nähme er halt diesen mit. Als er merkte, dass unsere Kamera lief, stellte er ihn wieder hin und probierte es anders. 

Wir würden morgen im Dorf unten verhaftet werden, wenn wir nicht vorweisen, dass wir bezahlt haben, erklärt er uns.

Dann bräuchten wir aber eine Quittung und überhaupt ein Beweis, dass das Land ihm gehört, spielen wir sein Spiel weiter mit.

Dann zottelte er davon und wir dachten, er hätte aufgegeben. Bis gerade eben.

 

Aus Mühsam mach Positiv

Jetzt steht er mit einer Kopie einer Urkunde vor uns. Wedelt damit herum und sagt dies sei seine Grundstücksurkunde. Wir zücken einmal mehr die Übersetzer App und lesen was auf dem Papier steht. Es hat tatsächlich irgendwas mit einem Grundstück zu tun, aber weder der Name, den er uns zuvor genannt hat, noch das Geburtsdatum können übereinstimmen. Der Mann sieht ziemlich viel älter aus, als 40. 

Wir geben ihm seine zerfledderte Urkunde gemeinsam mit einem Glas Konfitüre zurück. Er könne diese haben, anstelle der 300 Rubel. 

Wie viel sie denn gekostet hätte, fragt er kritisch. 

350 Rubel, antworten wir. 

Dann gehe ich rein und koche das Chili con Carne fertig, während Dylan den Mann in ein Gespräch verwickelt und so sein fröhliches Gemüt von vorhin wieder wieder zum Vorschein bringt. Dylan fragt nach seinen Tieren, nach Frau, nach Kindern und dem Leben. Er hat 3 Pferde, 15 Kühe, 35 Schafe, keine Frau und keine Kinder. Nur seine gebrechlichen Eltern, seine noch da. 

Ich nehme drei Schüsseln aus dem Schrank und fülle alle drei. Mittlerweile hat Dylan ihm nämlich einen Sitzplatz angeboten und die beiden kommen mir fast vor wie alte Freunde, wie sie da vor dem Bus sitzen und in den Sonnenuntergang schauen. 

Als ich das Essen auf den Tisch stelle, will er die kleinste Portion, bleibt aber gerne sitzen. Wir wollen gerade anfangen zu essen, da hält er inne und deute uns zu warten, faltet seine Hände und betet laut. Wir verstehen nur Martina, Dylan, Mongolei und Amen. 

Er hat wohl für unsere Reise den guten Segen eingeholt. Wir sind gerührt darüber, wie sich die Situation mit etwas Freundlichkeit zum Positiven verändert hat. Schliesslich singen wir jeder noch ein Lied in seiner Sprache in den Sonnenuntergang - mir kam in den Sinn, dass die Mongolen sehr gerne singen und ich dachte spontan, dass vielleicht auch die Altai-Russen so sind und ja, er sang tatsächlich etwas für uns, mit uns. 

Als die ersten Sterne hervorlugen, verabschiedet sich unser Freund und geht die Hügel runter der Dunkelheit entgegen. Dann läuft ihm Dylan noch einmal hinter her, um ihm die Hälfte des Brotes, welches wir am Morgen von einer freundlichen Restaurantbesitzerin geschenkt erhalten hatten, weiter zu schenken. Spontan umarmt er Dylan und zieht von dannen. Freundschaft ist heute mehr wert als 300 Rubel. 




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Dylan Wickrama & Martina Zürcher

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