Von guten und schlechten Menschen

16. März 2018, Colombo, Sri Lanka

Die Reise aus dem Schweizer Winter rein in die tropische Wärme Sri Lankas beginnt nicht ganz so, wie wir es uns vorgestellt haben. Aber dies heisst auch: Es kann nur besser werden! 

 

 

Aus der Wand hinter mir spricht der Gecko sein leises ftftftftft aus dem Küchenregal. Er sitzt zwischen Kurkuma und Currygewürzen, die säuberlich in alten Konfitürengläser nebeneinander im Regal stehen. Die Tasse mit süssem Tee steht auf dem Küchentisch neben meinem Laptop. Während ich tippe, steht Tante Nandasili hinter den Töpfen, spült den Fisch ab und nimmt ihn aus, bevor sie ihn in Stücke schneidet. Dann geht es den Zwiebeln und Chili an den Kragen. Mit einer Machete schlägt sie gekonnt die Kokosnuss auf. Zack. Zack. Als Nandasili die Gewürze im heissen Kokosfett anbratet, vermischt sich der scharfe Geruch von Nelken, Kurkuma und Kardamon aus ihrer Pfanne, mit dem süsslichen der Bäckerei, die im Nachbarhaus tagein tagaus Leckeres in den Ofen schiebt. Ich fühl mich gerade selbst wie ein Brötchen im Ofen, welches in der Hitze träge vor sich hin schwitzt.

Den Winter verkürzen

Erst noch haben wir uns mit Bettsocken und Mütze ins Bett gelegt und uns unter drei Decken wohlig eingekuschelt. Aus Sicherheitsgründen schalten wir unsere Standheizung in der Nacht vor dem Einschlafen jeweils aus. Wir haben uns an die frischen Nächte sehr gut gewohnt und schlafen herrlich. So gut, dass wir neulich, als wir nach einem Vortrag vom Veranstalter zum Übernachten eingeladen waren, beide vor lauter Wärme im Zimmer fast nicht schlafen konnten.

Ist es nicht zu kalt im Winter im Bus? Jein. Natürlich sind die anderen Jahreszeiten angenehmer, wenn wir die Türen offenlassen, wenn wir draussen arbeiten können und so ein viel grösseres Wohnzimmer haben, als wenn es draussen schneit oder regnet. Aber es ist auch total heimelig, wenn der Wind an Foxy rüttelt, die Regentropfen aufs Dach prasseln und die Heizung vor sich hin stampft. Bis zu fünf Grad ist es auch kein Problem draussen vor dem Bus zu duschen. Ehrlich! Wir sagen nie „Brr! Es ist viel zu kalt!“. Wir wähnen uns stattdessen mental in der Sauna und gleich nach der heissen Dusche werfen wir den Bademantel über und hüpfen zurück in die Wärme. Es ist, wie vieles andere auch eine Kopfsache und ein Teil unseres Alltages als Nomaden, für den wir uns bewusst entschieden haben. Warum sich also beklagen? Aber natürlich haben wir es uns auch zur Angewohnheit gemacht, den Winter zur verkürzen. Wir waren im Januar in Spanien. Und sind nun für einen Monat in Sri Lanka, während Foxy unser Bus zu Hause auf uns wartet. Unser mobiler Arbeitsplatz immer dabei. Zumindest wäre es so geplant gewesen.

Wo ist der Rucksack?

Wir sassen im Zug, Dylan lass etwas auf dem Handy, ich beantwortete noch ein paar E-Mails. „Nächster Halt Zürich Flughafen,“ schallte es aus dem Lautsprecher und wir machten uns bereit auszusteigen. Als wir draussen auf dem Perron standen, bemerkte ich, dass Dylans Rucksack mit Kamera und Laptop fehlte. „Wo hast du deinen Rucksack?“ Er rannte zurück in den Zug. Der Rucksack war nirgends. Unsere Gedanken rasten hin und her. Nochmals rein in den Zug, dann wieder raus. Scheisse! Er war weg. Einfach so aus der Gepäckablage heruntergenommen und weggetragen, von jemandem, dem er nicht gehört. Als wir überlegten was alles drin ist, wurde uns schwindelig. Immerhin waren die Pässe da. Wir eilten zum Check-in, um unser Gepäck abzugeben, danach zur Polizei, das Telefon am Ohr, Kreditkarten sperren. Wie hatte das passieren können? Dylan war 3.5 Jahre um die Welt gereist, nie in all den Jahren wurde er beraubt oder etwas von ihm geklaut. Und ausgerechnet jetzt, in der Schweiz, da wo es doch so viel sicherer ist, als im „gefährlichen“ Ausland, genau da ist einer so dreist und klaut uns den Rucksack sozusagen vor der Nase weg. Wir hätten es sehen sollen. Wir waren in unmittelbarer Nähe, das Gepäck in unserem Blickfeld.

Auf das Gute hoffen

Jetzt lässt Tante Nandasili in einem Vorort von Colombo, Sri Lanka, den Fisch in die Currysosse gleiten, dann rührt sie weiter. Noch sind wir hier die Gäste, in einer Woche dann selbst die Gastgeber, wenn die Motorradfahrer, mit denen wir drei Wochen Dylans Heimat bereisten werden, ankommen. Während Nandasilis Hand mit der Kelle im Topf kreist, kreisen meine Gedanken zurück zum Diebstahl. Logischerweise gibt es auch Diebe in der Schweiz. Aber ist es nicht generell so, dass wir das Böse viel eher auf der anderen Seite der Grenze erwarten? Letztes Jahr, als wir für den Dreh zu unserem Dokumentarfilm von Panama nach Kolumbien und wieder zurück nach Panama reisten, hörte wir auf beiden Seiten der Grenze die gleichen Sätze: „Passt auf! Denen dort drüben kann man nicht trauen!“ Nach fast jedem Reisevortrag fragt jemand aus dem Publikum: „Ist dir nie was Gefährliches passiert? Nichts gestohlen worden?“ Die Touristen, die bald nach Sri Lanka anreisen, schreiben uns: „Ich will nicht zu viel Bargeld mit mir herumtragen.“ Und ja, sogar mein 12-jähriger Neffe ist schon so konditioniert. „Im Ausland ist es gefährlich. Drum bleibe ich lieber in der Schweiz.“ Ha! Jetzt habe ich vielleicht eine Geschichte, die helfen wird, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Als seine reisefreudige Tante, liegt mir was daran. Irgendwas Positives muss die Geschichte ja haben! Gute oder schlechte Menschen gibt es überall. Unsere Erlebnisse überall auf der Welt zeigen uns immer wieder: Die Guten sind in der Mehrzahl. So hoffen wir erstmal noch auf das Gute, auch in jener Person, die den Rucksack geklaut hat. Wer weiss, vielleicht besinnt sie sich und gibt die Tasche im SBB Fundbüro ab. Als hätte ich laut gedacht, sagt Dylan jetzt zu mir: „Falls wir die Sachen nicht wiedersehen, so hoffe ich der Dieb braucht das Geld wenigstens, um dringende Medikamente zu bezahlen.“ Es ist wie mit dem Duschen im Winter vor dem Bus: Es ist alles eine Kopfsache.




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Dylan Wickrama & Martina Zürcher

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