616km geradeaus

Von der Grenze bis nach Moskau

Nach 2.5h, drei Zöllner, die kontrollieren, ob Dylan wirklich Dylan ist und 4 falsch ausgefüllten Formularen später, sind wir am 9. Mai nach Russland eingereist. Danach ging es immer geradeaus bis nach Moskau, oder zumindest fast. 

 

Ich sitze im Eingang unseres Hauses, also in der Schiebetüre, und geniesse die Sonne, die endlich wärmt. Vor mir nicht etwa wie gestern Abend noch noch die russische Tundra, sondern ein Parkplatz einer Autowerkstatt irgendwo an der M9, der Hauptstrasse die Riga mit Moskau verbindet. Eigentlich hätten wir, als wir vor zwei Tagen über die Grenze nach Russland fuhren alles geradeaus fahren können. 616 Kilometer ohne abzubiegen, bis ins politische Herz Russlands. Natürlich wurde es uns aber nach ein paar hundert Kilometer zu langweilig und wir bogen ab, nach Toropets, eine der ältesten Städten Russlands. Wo nicht nur die Häuser, sondern auch die Menschen mehrheitlich alt sind. Wo den Häuser der Lack fehlt, dafür die orthodoxe Kirche, mit ihrer goldenen Kuppel, umso mehr heraussticht. Wo Trabis und Ladas über die Strassen fahren, und die gelb-weissen Zebrastreifen von Hand auf den Teer gepinselt werden. 

Hier lernen wir, dass in Russland doch auch vieles gleich ist wie bei uns. Die Grossmütter zum Beispiel. Als wir in der Bank Euro in Rubel tauschen, zupft eine alte Frau mit der grössten Selbstverständlichkeit den Schmutz von Dylans Pullover und lächelt selig, als wir uns mit einem „Spasiva“ bedanken. Auch die Teenager sind gleich: Hinter der Schule entdecken wir vier Jungs, die hastig ihre Zigaretten verstecken, als sie uns sehen, dann aber ruhig weiter paffen, als sie merken, dass wir hier fremd sind. 

Einkaufen auf russisch

Auf einem Platz haben alte Frauen Harassen umgekehrt vor sich stehen, darauf die Ernte aus dem Garten. Wir kaufen hie und da was. Eine Handvoll frische Kartoffel für 10, ein grosses Glas Essiggurken für 100 und selbstgemachte Konfitüre für 250 Rubel (1Rubel ist 0.02 CHF). Die alten Frauen tragen bunte Kopftücher, sitzen in einer Reihe auf kleinen Plastikhockern und preisen ihre Waren nun umso fleissiger an. Am liebsten würden wir bei jeder etwas kaufen. Aber so viel Platz haben wir nicht in unserem kleinen Küchenschrank. 

Später, wir sind wieder auf der M9 unterwegs, halten wir bei einem Verkaufsstand direkt an der Strasse. Nikolai verkauft ausgestopfte Bären, die er selber gejagt hat. Dachse und Rehe. Der vermeintliche Honig, so verstehen wir schliesslich die Erklärungen des Mannes, ist Biberfett. Zum Glück haben wir den „Honig“ nicht gekauft und aufs Brot gestrichen. Dann zeigt er uns unter einer Plane geräucherten Fisch, während in seinem Mundwinkel lässig eine Zigarette hängt. Nikolai versteht unser russisch, welches direkt aus der Übersetzer-App kommt und wir wissen nun, dass er die Tiere alle hier in den Wäldern erlegt hat, dass er ca. 10km von hier weg lebt und eine Frau und zwei Kinder hat. 

Lesen lernen

Auf der langen, geraden Strecke repetiere ich das kyrillische Alphabet, welche ich einst im Mongolisch Unterricht gelernt habe. Wenn die Wörter plötzlich einen Sinn ergeben ist das nämlich ziemlich cool. In einer Tanke, wo wir einen Kaffee trinken (ich kann auf der Kaffeemaschine sogar Cappuccino entziffern), buchstabieren wir uns durch die Speisekarte. Hamburger, Frankfurter-Würste und Kapusta, was sich später als mit Sauerkraut gefüllte Teigtaschen herausstellt. Die Frau hinter der Theke heisst Tatjana, sagt ihr Namensschild und die Schokolade vor der Kasse hat Zitronen-Geschmack. So müssen sich Kinder fühlen, wenn sie lesen lernen! Ein unglaublich gutes Gefühl. 

Die erste Panne

Heute morgen dann musste ich „Autoservice“ entziffern, weil in aller Herrgottsfrühe der Keilriemen riss. Den, den wir vor unserer Abfahrt vor einer Woche gerade noch ersetzt haben. Eigentlich sollte er 200’000 km halten. Bei Foxy hielt er vielleicht knapp 3000. Zum Glück fanden wir nach nur 20 Minuten Fahrt ein Autoersatzteile-Markt. Zu unserem Erstaunen öffnete der Laden sogar eine halbe Stunde vor der angeschriebenen Öffnungszeit und hatte noch genau einen für uns passenden Keilriemen. Dylan, von der grossen Auswahl erfreut, kaufte weitere Teile, die vielleicht irgendwann mal ganz praktisch sind. Nur den Duftbaum mit Putins Porträt lassen wir im Laden hängen. Zuerst wollen wir jetzt mal den Kreml in Echt sehen. Auf nach Moskau! 




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Dylan Wickrama & Martina Zürcher

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