Reise zu Menschen

11. April 2018

Menschen sind es, die Martina Zürcher und ihren Mann Dylan Wickrama beim Reisen am meisten interessieren. Sie sammeln daher lieber Geschichten, als Souvenirs. So auch in Sri Lanka, wo sie im Februar 2018 die erste Motorradreise leiteten und sich so den Bus-Winter verkürzten.

 

Der Mann liegt auf einem Spitalbett in einem grossen, hallenähnlichen Zimmer im Generalspital von Colombo, Sri Lanka. Er lächelt matt als Dylan an sein Bett tritt. Mit Vorhängen und halbhohen Trennwänden sind die vielleicht 100 Betten voneinander getrennt. Fast jeder der Patienten hat Besuch, dementsprechend laut ist es. Dylan stellt sich dem Mann vor, den er bis anhin nur vom Hörensagen kannte, dessen Schicksal sich in der Zeit, als wir Sri Lanka gemeinsam mit einer Motorradreisegruppe besuchten, tragisch veränderte. Ein paar Tage zuvor hatte unser Mechaniker Imthias, der mit unserer Reisegruppe unterwegs war, erzählt, dass sein Arbeitskollege bei einem Unfall sein rechtes Bein verloren hätte. „Unterhalb des Knies mussten sie das Bein amputieren. Er war auf dem Töff unterwegs als er von einem Auto überfahren wurde. Er weine nur noch, sagen sie,“ hatte er damals schockiert berichtet.

Keine Arbeit, kein Geld

Beim Besuch erfahren wir, dass nebst der Amputation auch der Oberschenkel und die Hüfte gebrochen sind. Er muss unsägliche Schmerzen haben, obendrauf Existenzängste. Denn er arbeitete als freischaffender Motorradmechaniker; wenn es Reisende wie uns zu belgeiten gab, hatte er Arbeit, sonst nicht. Ob er nach der Genesung seinen Job immer noch ausüben kann, weiss niemand. Er hat Frau und Kind und ab sofort kein Einkommen mehr. Die Versicherung des Unfallverursachers wird vielleicht bezahlen. Sehr wahrscheinlich auch nicht. Eine eigene Krankenversicherung hat der junge Mann, so wie die meisten Sri-Lanker, nicht.

 

Sich selbst überlassen

Der Spitalaufenthalt wäre in Sri Lanka eigentlich gratis. In Realität heisst dies aber: Wer den Ärzten nichts bezahlt, wird mehr oder weniger am Leben erhalten. Wer bezahlt, wird etwas besser behandelt. Psychologische Betreuung oder einfach nur eine Physiotherapie, gibt es aber so oder so nicht. Und sobald es dir gut genug geht, wirst du aus dem Spital ent- und deinem Schicksal überlassen. Auch wenn du zuerst noch lernen musst ohne deinen rechten Fuss zu leben.

 

Wie die Einheimischen

Einen Tag bevor wir vom Unfall erfuhren, hatten wir gemeinsam mit der Reisegruppe entschieden Etwas zurück zu geben. Wir selbst hatten eine wunderschöne Reise erlebt ohne dabei viel Geld auszugeben, da wir meist abseits der touristischen Routen unterwegs waren und die Gruppe, genauso wie wir, Spass daran hatte immer in den kleinsten Restaurants einen Stopp einzulegen und wie die Einheimischen täglich zweimal Reis und Curry zu essen. Wir besuchten eine Teefabrik da, wo sonst keine Touristen vorbeikommen und einen Tempel im Dschungel, der erst kürzlich wiederentdeckt wurden, anstatt in der Lipton Teemanufaktur oder beim Unesco Weltkulturerbe Sigiria vorbeizuschauen. Dort wird von Ausländern für lokale Verhältnisse die astronomische Summe von 35 Dollar verlangt. Für Dylan, der als Einheimischer die Gruppe über die Insel geführt hatte, ein Grund vorzuschlagen, das Geld stattdessen für einen guten Zweck auszugeben. Denn es geht uns nicht darum möglichst billig zu reisen. Nein, es ist durchaus sinnvoll als Reisender in einem Entwicklungsland nicht die günstigsten Varianten zu wählen, aber man sollte sich bewusst sein, ob man das Geld der Regierung, einer internationalen Hotelkette oder doch lieber einem Familienbetrieb zukommen lässt. Als wir dann vom Schicksal des Motorradmechanikers hörten, war der Fall für alle klar, hatten wir doch in den Wochen zuvor selbst erlebt, wie unberechenbar der Verkehr hier ist.

Mit dem Herz unterwegs sein

Zuerst war die Rede davon Umschulungskosten zu übernehmen, dann von einer Beinprothese. Beim Besuch im Spital merkte Dylan aber, dass es für den Verunfallten vorerst einmal darum geht Zeit zu haben den Schock zu verdauen und die Möglichkeit die Wunden heilen zu lassen, ohne sich zusätzlich um Geld sorgen zu müssen. Der Besuch im Spital am letzten Tag unserer Sri Lanka Reise, war ein Besuch bei einem Mann, der mit 31 Jahren unverschuldet vor einer riesen Herausforderung steht. Dank der Offenherzigkeit unserer Reisegruppe war es möglich ihm zumindest finanziell ein klein wenig zu entlasten. Wir hatten auf dieser Reise so vieles geschenkt bekommen, sei es eine Kokosnuss oder ein frisches Hemd Mitten im Dschungel, eine Segnung durch einen buddhistischen Mönch in einem kleinen Tempel, einen Teller Milchreis an einem tamilischen Fest, unzählige Lächeln überall wo wir ankamen. Jetzt war es an uns etwas zurück zu geben, den Reisen bedeutet für uns mehr als Neues zu entdecken. Reisen heisst sich auf Menschen und deren Geschichten einzulassen und wo man kann auch mal etwas zu verändern.

 

 

Weitere Sri Lanka Motorradreisen gibt es 2019. Ende diese Jahres fährt Dylan mit einer Reisegruppe ins Königreich Bhutan um Ihnen auf einer Royal Enfield die tausend Kurven zu zeigen. Weitere Infos zu den Reisen gibt es hier. 

 




Ride2xplore

Dylan Wickrama & Martina Zürcher

Heckenweg 4, 3270 Aarberg, Schweiz

info@ride2xplore.com

+41 79 746 74 27