Begegnung am Strassenrand

Omsk, 1. Juni 2018

 

In Russland ist Autostopp verboten. Im kalten sibirischen Frühlingswetter gelten für uns andere Gesetze. 

 

Am Strassenrand vor uns taucht ein Fussgänger auf, der sich mit hinkendem Bein langsam durch den Regen und Wind bewegt. Er trägt ein kurzärmliges Hemd und in der rechten Hand eine Plastiktüte. Wir fahren zuerst an ihm vorbei, dann hält Dylan an und sagt: „Wir müssen ihn mitnehmen!“ Kurzes hin und her und dann ist klar: „Ja, wir müssen ihn mitnehmen.“ 

Also fahren wir zurück. Obwohl er gar nicht erst versucht hat ein Auto anzuhalten, steigt er ohne zu zögern ein. Seine Hände und Arme sind voller Tätowierungen, das Gesicht hager. Er zittert am ganzen Leib und wir stellen die Heizung auf die höchste Stufe. 

„Wo willst du hin?“ fragen wir als er schon zwischen uns sitzt und er antwortet: „Moskau“ 

„Moskau? Wirklich?“ Wir stellen die Frage nochmals, jetzt auf russisch, die Antwort bleibt die gleiche. Moskau ist 2800km weit weg. Wir sind ausserhalb Omsk, was bereits zu Sibirien zählt und es regnet seit gestern unaufhörlich. 

Wir checken das GPS Gerät und sehen, die Umfahrungsstrasse führt tatsächlich nach Moskau. Aber wir müssen in ein paar Kilometer abbiegen, um in die Stadt zu fahren. Vorerst fahren wir weiter und fragen weiter. „Warum willst du bis nach Moskau?“

„Um zu leben!“ spricht er und seine Augen leuchten auf, als er sieht das wir verstehen.

жизнь! Zhizn! - Leben!

„Du willst zu Fuss bis nach Moskau?“ 

„Ja, also per Autostopp.“ 

Der merkwürdige Mann, in dessen Leben wir plötzlich hineingeraten sind, zittert immer noch. Wir diskutieren, ob es nicht besser wäre ihm ein Zugticket zu kaufen. 

„Er hätte kein Geld,“ sagt er. 

„Wir bezahlen das Ticket“, antworten wir. Er schüttelt den Kopf. 

„Ich habe keinen Pass und wäre im Zug eine ‘fucking slut’“ – so übersetzt es die App und wir verstehen: Er kann nicht mit dem Zug fahren, weil man sich in Russlands Zügen nicht nur mit dem Ticket, sondern auch mit einer Identitätskarte ausweisen muss.

Seine grobe Sprache, die Tattoos, die Narben auf dem Unterarm. Es will alles nicht so recht zu seinem kindlichen Gesichtsausdruck passen. Seine blauen Augen schauen uns hoffnungsvoll an, aber er wirkt auch, als wäre er es sich gewohnt Zurückweisung und Demütigung zu ertragen.

Da wo wir abbiegen müssten, halten wir an. Dann fragt er uns: „Könnt ihr mich nicht bis zur nächsten Raststätte bringen?“ Der Wind schlägt mir die Autotür aus der Hand. Ich schliesse sie wieder. Natürlich können wir. 

Auf der Weiterfahrt wir aus Dylan Viktor. Weil er unsere Namen nicht als Namen erkennt, benutzen wir russische Namen, um ihn zu fragen wie er heisst. Alexander, Viktor und Natascha fahren 30, 40 Kilometer weiter. Sie geben uns Zeit mehr Fragen zu stellen. 

Hast du Familie in Moskau? 

Nein, ich bin alleine. 

Auf den Fingern seiner linken Hand sind die Zahlen 1, 9,7 und ein Fragezeichen mit Tinte unter der Haut verewigt. Lässt sich daraus schliessen, dass er nicht weiss in welchem Jahr er zur Welt gekommen ist? Passen die 70ger Jahre zu Alter, dass in seinem Gesicht ablesbar ist? Vielleicht schon. Seine Lebensgeschichte muss ihn viel älter wirken lassen, als er tatsächlich ist. 

Arbeitest du etwas? 

Niet. Invalid! Er zeigt auf sein Bein und den Arm. 

Wo kommst du her? Aus Omsk? 

Nein, er schüttelt den Kopf und deutet energisch aufs Telefon, damit er sprechen kann und wir ihn verstehen. Er spricht und die Russland-Flagge auf der Übersetzer-App, dreht und dreht. Dann steht da:

Ich bin gestern in Novosibirsk aus dem Gefängnis entlassener worden.

Während ich Dylan den Satz vorlese, schiessen mir alle Gedanken auf einmal durch den Kopf Wer ist er wirklich? Was hat er getan? Was, wenn er gefährlich ist und uns plötzlich angreift? Aber kann er wirklich so kriminell sein, wenn er uns offen davon erzählt? Wenn er im strömenden Regen, einzig mit einer Wolldecke in einem Plastiksack von Novosibirsk bis nach Moskau will, um zu „leben!“ 

Jetzt ergeben die Tattoos und die Sprache einen Sinn und auch, dass er weder Pass noch ID hat. Schon als ich seine Arme vor einer halben Stunde zum ersten Mal registrierte, war mir der Gedanke gekommen, dass er im Gefängnis gewesen sein muss. Ich hätte aber nicht erwartet, dass er dort bis gestern noch war. 

„Frag ihn warum er dort war. Hat er jemanden umgebracht?“ sagt Dylan und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich mehr über seine Vergangenheit wissen will. Frage dann aber trotzdem. 

Die Antwort verstehen wir nicht hundertprozentig. Aber sie kommt frisch von der Leber weg und ohne zu zögern. Er hätte sich während drei Jahren jeden Monat irgendwo anmelden sollen und dies hätte er einmal nicht gemacht, jetzt sei er deswegen vier Monate im Gefängnis gewesen. 

Wir wissen nicht, was vorher alles war. Aber einen invaliden Menschen ins Gefängnis stecken? Es ist die brutale Seite Russlands, die wir gerade kennen lernen. 

Wir sind 40km gefahren, ohne an einer Raststätte vorbei zu kommen. Wieder biegt eine Strasse ab, die uns nach Omsk führen würde. Wir waren ursprünglich auf dem Weg in eine Autowerkstatt, weil Foxy einmal mehr den Keilriemen zu Spaghetti gemacht hatte. Den fünften, seit wir in der Schweiz abgefahren sind und wir wussten: Nun müssen wir definitiv ein Teil austauschen, welches Dylan selbst nicht ausbauen kann. Reisst der Riemen während der Fahrt ein weiteres Mal, kann der ganze Motor kaputtgehen (wir hatten die vorderen vier Mal immer Glück, dass er riss, wenn wir langsam fuhren und es sofort merkten). Was ein paar Tausend kosten und die gesamte restliche Reise in Frage stellen würde. Wir erklären ihm, dass wir ein Problem mit dem Auto haben und leider jetzt wirklich in die Garage müssten. Aber es fühlt sich so an, als würden wir ihn rausschmeissen, jetzt wo wir wissen woher er kommt. Wir geben ihm Dylans Regenjacke, einen Regenschirm, Brot, Thunfisch, Bananen, Kekse und 500 Rubel. Als wir ihm ein anderes T-Shirt geben wollen, damit er sein nasses ausziehen kann, winkt er ab. Nicht nötig. Er bedankt sich und humpelt davon. Wir schauen ihm nach, dann uns an und sind uns sofort einig: Wir können ihn nicht einfach so hier draussen lassen. Das Teil wird schon noch ein paar Kilometer mehr aushalten. 

Also fahren wir hinter ihm her, öffnen die Türe und sagen er soll wieder einsteigen. Er tut es und bedankt sich wieder. Es sind nochmals 15km, 20km bis zu einer Raststätte und wir fragen ihn wie es war im Gefängnis. Er zuckt die Schultern und sagt: „Normal.“ 

Gefängnis und Sibirien. Eine Wortkombination, die unsereins erschauern lässt. Er sagt es war normal. Die Tattoos sehen nicht neu aus und es sind so viele – sehr wahrscheinlich sass er schon öfters im Knast. Aber was muss einem im Leben alles widerfahren sein, dass der Gefängnisaufenthalt in Sibirien normal ist? Dass es normal ist, mit einer Wolldecke im Wald zu übernachten und man bestimmten Schrittes in eisiger Kälte unterwegs ist bis ins 2800km entfernte Moskau? 

Wir setzen Alexander schliesslich vor einem kleinen Imbiss ab, wo er hoffentlich bald einen Lastwagenfahrer finden wird, der sich ihm erbarmt. Wir fahren in Richtung unseres Ziels, drehen dann aber noch einmal um. Gehen zurück, um ihm mehr Geld zu geben. Foxy wird uns in der Garage gleich einiges mehr kosten. So what! Als Dylan in das kleine Restaurant tritt, sitzt Alexander an einem Tisch und isst unser Brot und den Thunfisch, anstatt etwas bestellt zu haben. Seine Augen leuchten auf, als er Dylan erkennt und er freut sich noch mehr über die 5'000 Rubel. Ich sitze während dessen auf dem von seinen regennassen Hosen durchnässten Beifahrersitz und bin froh, hat Dylan entschieden den Mann mitzunehmen. Und ich schäme mich dafür, dass ich zuerst ablehnte, weil ich dachte, er wird uns alles nass machen. Was ist schon ein nasser Autositz gegen sein Leben? Was ist schon unser kaputtes Auto gegen die Probleme, vor denen er steht?

Am Abend zuvor waren wir vier Stunden im Schlamm stecken geblieben und hatten gedacht es sei sehr anstrengend unseren Bus alleine wieder rauszubekommen. Ich war müde und genervt. Aber das war ein Spaziergang im Vergleich zum Schicksal von Alexander. Dem Alexander, der nach allem was er erlebt haben mag, mit einer Wolldecke im strömenden Regen steht und sagt: Ich will nach Moskau um zu leben!

Zum Glück blieben wir stecken, denke ich jetzt. Sonst hätten wir Alexander gar nicht getroffen. 

 

 

 

 




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